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Predigt: Stroh – Vom Wert des Nutzlosen (Symbolpredigt) 10. August 2008

Die Predig_Stroht wird von verschiedenen ehrenamtlichen Mitarbeitern vorgetragen. Dazwischen jeweils einige Verse des Liedes 324 1-3 Ich singe dir mit Herz und Mund

Das nutzlose Stroh

Stroh – wir haben hier an der Linde schon einen Gottesdienst mit Halbedelsteinen gemacht … aber jetzt mit Stroh?  Hat denn der Pfarrer nur noch Stroh im Kopf? Natürlich hatte er beim Vorbereiten laufend das Thema “Stroh” im Kopf – und hoffentlich nicht in dem Sinne, wie wir es als Sprichwort verwenden:

Wer Stroh im Kopf hat, der hat eigentlich nichts sinnvolles im Sinn, ist dumm wie Bohnenstroh. Solchen Menschen fällt dann auch nichts gescheites ein; und man merkt, wenn sie reden, dann dreschen sie nur leeres Stroh. Viele Worte und nichts dahinter. Wenn sie mal was tun, dann ist es oft nur ein Strohfeuer.

Wir merken schon an den vielen Sprichwörtern: Das Stroh hat nicht gerade das beste Image. Es ist anscheinend der Inbegriff für Sinnloses, Unnützes, Überflüssiges.Strohgottesd

Da gibts ja auch die Legende von den beiden Königssöhnen; sie erhielten beide ein Goldstück, und sollten etwas finden, womit sie den Thronsaal füllen konnten. Der Ältere der beiden brachte kubikmeterweise Stroh und füllte den Saal damit – der Vater war über soviel Nutzlosigkeit enttäuscht. Das Rennen um die Nachfolge machte der andere Sohn, der mit dem Licht mit einer einzigen Kerze den gesamten dunklen Thronsaal erfüllte.

Stroh – irgendwie erscheint es uns als überflüssiges Produkt der Lebensmittelherstellung. Klar, ohne den Halm gäbs beim Getreide auch keine Ähren – aber wozu haben wir denn den Halmverkürzer?
Stroh wird auf unseren Feldern verbrannt, untergepflügt oder den Tieren als Einstreu unter die Füße geschmissen. Auch dieser Umgang spricht nicht dafür, dass Stroh die allerhöchste Wertschätzung genießt – warum sollte man  dazu bloß einen Gottesdienst machen?

 

Das nützliche Stroh

Da liegt es nun im Stall, dass Stroh. Unter den Füßen der Pferde, Schafe oder Rinder. Es ist ein Verbrauchsmittel ohne große Wertschätzung – aber zugleich wissen wir, dass wiŕs brauchen. Oder sollen die Tiere demnächst auf Federbetten liegen und stehen?
Das Stroh hat seine Stärken, und mancher neugebaute Stall wird wieder mit Stroh eingestreut. Obwohl es nur ein Nebenprodukt der Landwirtschaft ist, hat es in ihr seinen Platz und auch seinen Wert. Hier bei uns, wo riesige Rundballen herumstehen, denken wir gar nicht drüber nach. Aber wer sich in einer Zoohandlung in der Stadt umsieht, wieviel dort kleingepresste Strohpellets kosten, muss feststellen: Für das Geld, was ein Zentner dieser Strohkügelchen dem Verbraucher kostet, muss der Bauer  einen Doppelzentner Weizen abliefern.

Irgendwie erscheint eine kleine Ehrenrettung des Strohs ja durchaus gerecht. Denn ohne Strohhalm und seine Funktionen für Photosynthese und Wachstum könnten wir ja auch kein Getreide ernten.

Aber da ist noch viel mehr: Es war das Universalgenie Galileo Galilei, der im 17. Jahrhundert den Getreidehalm genau unter die Lupe nahm um zu ergründen, weshalb er sich so elastisch im Wind biegen kann, ohne zu brechen. Aufgrund dieser Beobachtungen erstellte er Regeln für den Bau hoher Gebäude und entwickelte Gedanken zur Biegefestigkeit von Materialien.
Heute nennt man diese Wissenschaft Bionik – Forscher versuchen die Tricks der Natur zu imitieren. Der Lotoseffekt, der Oberflächen vor Verschmutzung schützt gehört genauso dazu wie der Klettverschluss, der der Klette abgeschaut worden ist.
Aber auch, wenn ein Fernsehturm heute manche Erkenntnis Galileis umsetzt, die dieser von der Getreidepflanze gelernt hat: Noch immer kann der moderne Turm, dem Getreidehalm nicht das Wasser reichen:

Niemals ist er so biegsam wie der Halm des Weizens. Und um eine Tonne Sendeanlagen zu tragen, braucht man ein hundertfaches an Gewicht für die Turmröhre. Beim Weizen ist der Halm leichter als die Frucht. Da werden wahrscheinlich auch in Zukunft die Ingenieure klein bei geben müssen.

Das verachtete Stroh hat offenbar ganz verborgene Stärken. Da wird das Aschenputtel glatt zur Prinzessin!

 

Das besondere Stroh

Ist das Stroh nun Aschenputtel oder Prinzessin?

In der Bibel tauchen die getrockneten Halme auch immer wieder einmal auf. Zum Beispiel bei der Unterdrückung des Volkes Israel in Ägypten: Das Volk Gottes musste dort Lehmziegel produzieren. Das beigemengte Stroh wurde von den Ägyptern geliefert. Aber als Mose vom Pharao gefordert hatte, das Volk freizulassen, reagierte der mit einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen: Von da an mussten die Israeliten das Stroh selbst organisieren. Jedenfalls bis zum Auszug aus Ägypten.
Keine schöne Erinnerung an das Stroh.

Apropos Erinnerung: Weihnachten ist auch untrennbar mit Stroh verbunden: Die Strohsterne sind ein deutliches Signal: Das Jesuskind lag in einer mit Heu und Stroh gepolsterten Futterkrippe. Stroh als die erste Matratze des  Heilands.

Ist es Zufall?

Das Stroh taucht an den Stellen unserer Bibel auf, wo dramatische Wendungen geschehen, wo Umbrüche zum Guten passieren:
– Der Konflikt ums Stroh in Ägypten läutet die Befreiung des Volkes aus der Sklaverei ein.
– Ein Bündel Stroh kommt dem neugeborenen Jesus so nahe, wie kaum ein Mensch sonst in dieser Zeit.

Und das Ganze lässt sich noch weiterführen:
Der Prophet Jesaja kündigt in seinem Buch das Reich Gottes an. Und er verdeutlicht diese neue Welt in Bildern und Vorstellungen, die zeigen, wie sich vieles grundlegend verändern wird. Er spricht von einer Welt voller Frieden, voller Rücksicht – ein Leben im Einklang mit Gottes Willen.

Ein zentraler Punkt ist der Tierfrieden. Jesaja kann sich nicht vorstellen, dass das Motto “fressen und gefressen werden” in Einklang mit Gottes Liebe ist. Darum schreibt er:
Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. (Jes 11, 6-8).

Ja, das Stroh hat Zukunft, er wird auch im Paradies gebraucht, denn was sollen die Löwen sonst fressen, wenn die kleinen Antilopen in Ruhe aufwachsen sollen?

 

Das Nutzlose kann auch das Wichtige sein

Friedrich sitzt auf seiner Bank vor dem Haus. Freitag um drei. Auf seinem Schoß, ein bisschen wackelig, ein Vesperbrett, Brot, eine Polnische und eine kalte Bratwurst von gestern. Neben ihm am Boden: Ein Fläschle Bier.
So sitzt er da, am Freitag, wo es alle noch ǵscheit notwendig haben, weil man nochmal auf den Acker naus muss oder nach Uffni, weil man bei der Edeka noch was einkaufen muss.
Friedrich weiß auch, was er alles noch müsste – aber er sitzt jetzt auf seiner Bank und vespert. Einfach so – er sitzt da, er beeilt sich nicht, lässt die Zeit verrinnen.

Er weiß, dass die Schwägerin immer mal durchs Fenster schaut und den Kopf schüttelt – weil er halt immer noch so nutzlos rumhockt. Des geht doch net, am hellichten Tag nichts tun, wenn des jeder machen tät.

Ja, sinniert Friedrich, wenn das jeder machen tät, des wär was. Es gibt jetzt schon ein paar Leut, die sich die Zeit nehmen und mal zwischendurch aufm Bänkle sitzen, oder auf dem Weg durchs Dorf anhalten wenn einer aufm Bänkle sitzt und mit dem ein paar Sätze reden.

Kürzlich hat er auf diese Weise erfahren, dass ein Schulkamerad im Krankenhaus liegt, Herzinfarkt – er war froh, dass er es erfahren hat, denn sonst erfährt man ja nichts, wenn alle immer nur notwendig haben – wenn keiner Zeit hat, eine nutzlose Pause einzulegen.

Er hat gemerkt: Richtig gute und wichtige  Gespräche kann man da führen, am Freitag nachmittag in dieser Zeit auf dem Bänkla .

Diese nutzlose Zeit, schimpft seine Schwägerin. Des brauchts net, da geht nix vorwärts, wenn du da hockst; so überflüssig wie ein Kropf, so sinnlos wie Stroh …

Ja ja, liebe Schwägerin, sagt Friedrich leise vor sich hin, wenn du wüsstest, wie wichtig für unser Leben gerade diese angeblich überflüssigen Dinge sind.

– Die Zeit im Gottesdienst, wo er untätig rumhockt, derweil könnt ma ja das Haus nochmal durchwischen. Nutzlos sitzt er da in der Kirche, aber wenn er nach dem Segen rausgeht, fühlt er sich gestärkt für die ganze Woche.

– Der Nachmittag mit den Enkeln. Die Pfeife aus Haselnussstecken, die er mit ihnen geschnitzt hat, ist schon nach 5 Tagen ausgetrocknet und wertlos. Aber die zwei werden sich noch 20 Jahren an ihren fürsorglichen Opa erinnern.

– Die Stunden seines Lebens, gerade in den Ferien, die er mit guten Büchern verbracht hat. Andere haben in der gleichen Zeit mit Ferienjobs Geld für ein Mofa verdient. Ein Mofa hat er darum nie besessen, Aber diese nutzlos vergeudete Zeit über Karl May, Goethe, Bibel und Böll hat ihm du jenem Menschen gemacht, dessen Rat und Urteil von anderen geschätzt und geachtet wir.

Liebe Schwägerin, achja, seufzt Friedrich leise nud lehnt sich auf seinem Bänla zurück. Den Wert des angeblich Nutzlosen wirst du erst wohl erst entdecken können, wenn du dir Zeit für den zweiten Blick auf Dinge und Menschen nimmst.

Amen

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