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Predigt: Jetzt habt euch wieder lieb! (1. Johannes 2, 7-11) 19. Oktober 2008

1. Joh. 2, 7-11:schatz3
Meine Lieben, ich schreibe euch nicht ein neues Gebot, sondern das alte Gebot, das ihr von Anfang an gehabt habt. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt. 8 Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot, das wahr ist in ihm und in euch; denn die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt. 9 Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. 10 Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall. 11 Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.

 

Und jetzt habt euch wieder lieb!

Der Lärm aus der Kinderzimmer schallt bis in die Küche. Genervt legt die Mutter die halbeingefettete Backform auf den Herd und trocknet sich die Hände ab: Furchtbar, dieser Zickenkrieg, warum können die beiden Geschwister nicht einfach friedlich miteinander spielen? Warum müssen sie sich immer wieder derart in die Wolle kriegen? Mit festem Schritt steuert sie ins Kinderzimmer und staucht die beiden jungen Damen zusammen.

Dann ist Ruhe. Und bevor sie das Zimmer verlässt schaut sie beiden Kontrahentinnen streng in die Augen: “Und jetzt habt ihr euch wieder lieb – ja?”

 

Liebe auf Kommando. “Hab deine Schwester endlich lieb – hopp!” Geht das? Liebe ist ja nicht einfach so verfügbar. Ich kann sie nicht an- oder ausschalten. Und doch kennen wir das Liebesgebot : Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Machen wir uns etwas vor, wenn wir meinen, zur N ächstenliebe aufrufen zu können – und damit etwas zu verändern? Ein Aufruf zu einem Gefühl?

Unsere Kirche beleuchtet von allen Seiten das Thema Nächstenliebe, wirbt dafür und versucht im Bereich der Diakonie diese Nächstenliebe erfahrbar zu machen.Wir sprechen vom Akzeptieren der Anderen und Toleranz. Fast schon, dass wir als Christen zur “Army oft Love” werden – der Verein, in dem sich alle liebhaben.

Und in machen Freikirchen könnten Außenstehende den Eindruck bekommen, dass es eine rechte Bussi-Bussi Gesellschaft wäre. Da wird sich am Gottesdienst begrüßt, umarmt, geknuddelt. – Eine Herzlichkeit, mit der die einen ihre Probleme haben – aber andere finden gerade das an mancher Freikirche besonders attraktiv.

 

Die dunklen Ecken meines frommen Herzens

“Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.” – So manches fromme Herz hat da so seine finsteren Ecken. Denn es fällt mir nicht leicht, jeden und jede zu lieben. Und manchmal weiß ich auch gar nicht, ob ich ihn lieben will.

– Der Angeber, der meint, der Größte zu sein, sich über andere lustig macht – auch noch Dumme findet, die mitlachen –  und doch sieht eigentlich jeder die Mittelmäßigkeit dieses großspurigen Typen.
– Die Schnorrerin, die sich von allem etwas leiht, oft das Zur ückgeben vergisst, und selber nie auf die Idee käme, etwas aus ihrem Besitz etwas ihren Freundinnen zur Verfügung zu stellen. Als Dank zieht sie bei jedem Kaffeekränzchen über die jeweils nicht anwesenden Personen her, dass es allen, nur nicht ihr, peinlich ist.
– Der Broker, der innerhalb der letzten zwei Jahre Millionen mit Hedgefonds verdient hat, drei Villen in New York, Rio und in der Südsee besitzt, und nur ein müdes Lächeln für die Sorgen der Anleger übrig hat – sein Anwalt verhandelt nach dem Börsencrash und seiner außerordentlichen Kündigung  mit seinem Arbeitgeber; 7 Millionen Euro Ablöse möchte er schon noch mitnehmen.

Menschen, deren Lebensweise, deren Umgang mit Anderen, deren Verhalten mich anficht. So etwas finde ich schlimm, widerlich. Wie soll ich bitteschön jemanden lieben, dessen Verhalten ich verabscheuenswürdig finde?

Was da in mir passiert, ist oft das gleiche: In meinem Herzen wird es düster, ich spüre wie mir alles hochkommt:

– Die Wut über die Ungerechtigkeit, die im Leben dieser Menschen sichtbar wird.

– Der Ärger über den Egoismus, den sie an den Tag legen.

– Die Verzweiflung über die Machtlosigkeit, weil ich das alles nicht ändern kann.

– Und auch der Neid, wenn ich erkenne, dass sie es mit dem allen besser haben, sich weniger Sorgen machen, finanziell besser dastehen- kurzum glücklicher sind als ich. – Der Depp, der es mit Ehrlichkeit, Verantwortung und Mitmenschlichkeit versucht.

Oft genug gelingt es mir, diese Gefühle wieder einzudämmen, diesen düsteren Winkel meines Herzens möglichst klein zu halten.  Und zwischendurch bricht sich das alles Bahn, uns es muss mal was gesagt werden, weil ich sonst platze.

Sieben mal siebzigmal.

Da trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.

Und ich merke, ich stehe dahinter in der Schlange der Leute, die auch was von Jesus wissen wollten – und meine Frage ist die gleiche gewesen. Petrus, hast du das gehört?

Hast du inzwischen nachgerechnet … wie oft das ist? Das heißt ja praktisch immer! Das ist ja ein Freibrief! Das hat ja gar keine Grenzen – wo kommen wir denn da hin? Da krieg ich ja soooo einen Hals!

“Ja,” höre ich den Meister sagen, und ich wundere mich, dass er tatsächlich das Wort ergreift “ja, das soll ein Freibrief sein. Aber nicht für die Menschen, denen du gram bist, sondern für dich! Diese Regel soll dein Herz frei machen von der Düsterkeit deiner Gedanken! Damit der Weg frei ist für das Licht”. Mit deiner Wut, die du in dir pflegst, tust du dir selbst keinen Gefallen –

Wo will ich hin

Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall.  Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.

Blind sein – das will ich nicht.

Ich will die Augen nicht verschließen vor dem, was los ist; will nicht so tun, als wenn ich es nicht erkenne. Aber ich möchte auch nicht, dass sich mein Blick verfinstert.

– Nicht blind sein vor Wut auf den, der andere hintergeht.
– Nicht geblendet vom Hass auf Egoisten, die die Gutmütigkeit der Anderen ausnutzen.
– Nicht betäubt vom Neid auf den scheinbaren Vorteil derer, die auf Kosten der Anderen leben.

Diese Dunkelheit, die daraus entsteht würde mich nicht besser machen, als diejenigen, über die ich mich ärgere. Denn so ein selbstgerechtes Aburteilen der anderen würde auch nicht zu uns als Christen passen: Wir wissen doch selbst am besten um unsere eigenen Schwächen und Fehler – wir wissen aus eigener Erfahrung um Sünde und Schuld, die man auf sich lädt.

Da verbindet mich mit dem, den ich kritisch sehe viel mehr, als mir lieb ist – wir beide sind Menschen, die Gottes Vergebung brauchen.

 

Liebe Gemeinde,
was ich gerade sage, ist theologisch, ethisch, biblisch glasklar und sollte jedem, der in Konfiunterricht aufgepasst hat, inhaltlich nicht besonders überraschen. Klar, das wissen wir alle.

Aber das heißt noch lange nicht, dass wir das problemlos umsetzen können. Es ist unheimlich schwer. Manchmal fällt es einem ganz leicht, und manchmal ist es ein elender innerer Kampf: Mit dem Nicht-Verurteilen, Nicht -Verachten, Nicht-Hassen der Menschen, die alles andere als liebenswürdig sind.Es ist ein schwieriger Weg. Johannes formuliert es wohl nicht umsonst so:

Wer seinen Bruder liebt, der BLEIBT im Licht. Es soll uns darum gehen, dass wir im Licht der Liebe Gottes bleiben, und uns nicht selber als Christen ausknipsen. Immer wieder innerlich prüfen, ob ich den Anderen – mit allen seinen Fehlern – noch mit der Brille der Nächstenliebe ansehen, und ihn auch mal kritisiere.

Oder ob ich mich von düsterer Wut, Enttäuschung, Neid bis hin zu Hass in die Finsternis treiben lasse, die es mir manchmal leichter macht, Dampf abzulassen, es letztlich dazu führt, dass Brücken zum Anderen abgerissen werden.

Nur wenn ich im Licht stehe, habe ich überhaupt die Chance etwas verändern.  Und manchmal kann ich nichts verändern; da will ich es lernen, das Unveränderbare hinzunehmen, und mein Herz nicht zu einer düsteren Mördergrube zu machen.

In unserem Wohnzimmer neben dem Telefon hängt ein Kalender. Im Monat Oktober genieße ich den Blick auf einen Irischen Bergsee, daneben ist ein Segensspruch aus Irland gedruckt:

Möge Klarheit sich spiegeln
am Grund deines Herzens,
rein sei deine Seele,
wie ein See,
ganz oben im Gebirge.

 

Amen

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