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Predigt: Die Botschaft der Gollhöfer Hostiendose von 1661 (Römer 3, 25) 10. April 2009, Karfreitag

Die Hostiendose aus dem Jahr 1661 wurde im Jahr 2005 karfr1restauriert. Sie wird wie alle historischen Abendmahlsgeräte Gollhofens in einem Bankschließfach aufbewahrt. Eine unangemeldete Besichtigung ist darum nicht möglich.

Liebe Gemeinde,

wenn wir in unserer Kirche das Heilige Abendmahl feiern, steht neben den üblichen Abendmahlsgeräten auch etwas auf dem Altar, was wir eigentlich gar nicht benutzen, aber irgendwie dazugehört: Diese kleine Hostiendose.
Sie dient eigentlich der Aufbewahrung der Abendmahlshostien; aber für die Anzahl, die wir benötigen, ist sie zu klein, und darum nutzen wir die blütenförmige Schale, die viel mehr Platz hat. Aber diese Hostiendose steht dennoch auf dem Altar. Nicht nur, weil sie ein außergewöhnliches Kunstwerk ist, sondern weil sie selbst durch ihre Gestaltung eine eigene Predigt ist.

Darum soll sie heute der Ausgangspunkt der Predigt sein.

Die Geschichte der Dose 

Wenn man sie öffnet, entdeckt man im Deckel eine Gravur: Lenhart Fries und Sabina Catarina Friesin, 1661. Der Gastwirt Fries hat diese Dose gemeinsam mit seiner Ehefrau  gestiftet. Ihre Namen tragen auch ein Abendmahlskelch und ein Hostienteller.
Offenbar war Lenhart Fries der Kirche sehr verbunden. Denn schon 4 Jahre zuvor hatte er eine Abendmahlskanne gestiftet. Damals war er noch mit Barbara Fries verheiratet. Sie ist 1660 gestorben. Den Epitaph zu ihrem Grab können wir noch heute sehen. Es ist der Stein, der am Eingang zum Altarraum an der Außenseite unserer Kirche steht.
Im gleichen Jahr wurde unsere Kirche Opfer eines Kirchenraubes, bei dem etliche Abendmahlsgeräte gestohlen wurden. Im Jahr 1661 hat Lenhart Fries Frau Katarina Luz aus Segnitz geheiratet und beide haben offenbar einiges an Geld aufgewendet, um diese Hostiendose, Kelch und Teller zu stiften.

Die Gestaltung de Hostiendose

Doch nun zur Dose. Auf dem Deckel sehen wir drei Kreuze. Die Kreuzigungsszene, wie sie in den Evangelien überliefert ist. Das Kreuz Jesu in der Mitte, die beiden Kreuze für die Schächer links und rechts. Sogar die Kreuzesinschrift INRI wurde mit angebracht; weniger als einen Millimeter hoch sind die Buchstaben.

Eine Kreuzigungsszene auf einer Hostiendose erscheint einleuchtend. Schließlich verweist Jesus selbst beim Abendmahl auf seinen Tod am Kreuz: Mein Leib, der für euch gegeben wird. Mein Blut, das für euch vergossen wird.

Die Besonderheit dieser Dose ist die Ausgestaltung als Truhe. Mit Henkel an der Seite. Und diese Verzierung am oberen und unteren Rand, ein Lilienfries, in Silber gegossen und dann vergoldet.

Da ist der Weg nicht weit, um an die Bundelade zu denken, die das Volk Israel am Berg Sinai herstellen sollte. Es heißt dort: Macht eine Lade aus Akazienholz; zwei und eine halbe Elle soll die Länge sein, anderthalb Ellen die Breite und anderthalb Ellen die Höhe. Du sollst sie mit feinem Gold überziehen innen und außen und einen goldenen Kranz an ihr ringsherum machen. (2. Mose 25,10f)

Von den Proportionen und vom Schmuckkranz am Deckel her liegt also der Gedanke nahe, dass hier die Bundeslade gedanklich Modell stand. Die Bundeslade war für das Volk Israel der Ort der Begegnung mit Gott. Bei den Gottesdiensten während der Wüstenwandung und später im Land Kanaan war die Bundelade das Zentrum. In ihr lagen die Tafeln mit den 10 Geboten.

Von besonderer Bedeutung war die Deckplatte – die Kaporet: Auf ihr wurden Engelsgestalten angebracht. Und sie spielte eine zentrale Rolle beim großen Versöhnungsfest. Einmal im Jahr wurde ein Opfer für die Sünden des Volkes dargebracht und dabei sprengte der Hohepriester Blut des Opfertieres an diese Deckplatte, die Kaporet. Mit anderen Worten: Der Ort, an dem Vergebung für das Volk Israel geschah, war dieser Deckel.
‘Und jetzt schauen wir auf unsere Hostiendose. Was ist aus dem Deckel geworden? Die Kreuzigungsszene ist darauf befestigt. Was für uns Versöhnung schafft, ist das Kreuz. Ein raffinierter künstlerischer Bogenschlag vom Alten zum Neuen Testament.

Liebe Gemeinde,
was ich ihnen gerade beschreibe, ist kein an den Haaren herbeigezogenes kunsthistorisches Erklärungsmodell, sondern wir befinden uns an einem zentralen Punkt – nämlich der Frage, was der Kreuzestod Jesu bedeuten soll.
Dazu brauche ich noch Hilfe vom Apostel Paulus, denn er hat im Römerbrief das vorgezeichnet, was der Goldschmied dieser Dose dann umgesetzt hat.

Dort heißt es:  Gott hat Jesus Christus hingestellt als Sühneort durch den Glauben in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. (Röm 3, 25f)

Das Wort „Sühneort” ist bei Paulus das Gleiche, das man auch für den Deckel der Bundeslade verwendet hat. Er sagt also, dass Gott Jesus im übertragenen Sinn zum Deckel der Bundelade gemacht hat, zu dem jemjenigen, bei dem Vergebung passiert.
Da, wo Gott einst aufgrund der regelm äßigen Opferung von Tieren vergeben hat, da hat er jetzt Jesus als denjenigen eingesetzt, der Versöhnung von Gott und Mensch ermöglicht.

Warum musste Jesus sterben?

Was bleibt, ist die Frage, weshalb Jesus den Weg ans Kreuz gehen musste; warum nicht ein versöhnlicher, unblutiger Weg das Gleiche bewirken konnte.

Eine Antwort dazu ist schwer. Auch unsere Bibel selbst ist eher zurückhaltend mit Antworten. Es waren eher die Theologen der Alten Kirche und des Mittelalters, die streng logische Theorien dazu aufstellten – aber sich oft auch gegenseitig kritisierten. 600 Jahre bevor diese Dose entstand hat der Mönch Anselm von Canterbury eine zweibändige Darlegung zu allein dieser Frage verfasst. Und doch spürt man, dass man hier mittelalterlich-rechtlich-logisch konsequent denkt, aber das persönliche Verhältnis zu Gott dabei sehr wenig bedacht wird.

Dabei ist die Grundfrage eine einfache: Wie gestalte ich mein Verhältnis zu Gott? Entspricht mein Leben dem, was Gott an Anspruch an mein Leben hat?
Auf der einen Seite er, der uns das Leben gegeben hat, und erwartet, das wir das auch im Hinterkopf behalten, woher wir kommen. Diese Schöpfung, die uns das Leben ermöglicht und der gegenüber wir sorgsam umgehen sollen, sie bebauen und bewahren.  Die Mitmenschen, die er uns als Brüder und Schwestern zur Seite stellt, denen wir in Liebe und Geschwisterlichkeit begegnen sollen; Recht üben und Unrecht vermeiden sollen.

Bei jedem Satz, den ich da formuliere spüre ich, wo überall wir Menschen allgemein und ich persönlich diesen Ansprüchen nicht gerecht werde.
Seit dem Sinai mit den 10 Geboten und der Bundeslade hat Gott den Menschen die Chance gegeben, sich mit Gott zu versöhnen. Durch das Opfer an der Bundeslade.

Langfristig war dieses Modell kein großer Erfolg: Weil sich mancher schon auf dem Heimweg von der Bundeslade wieder neue Dummheiten ausdachte. Fromme Übung im Gottesdienst und der alltägliche Unglaube und Egoismus prallten da aufeinander. – Das Modell des Opfers im Tempel konnte viele Menschen nicht verändern. Es blieb etwas äußerliches.

Mit der Geburt Jesu begann etwas ganz Neues: Gott selbst begibt sich in unsere menschliche Situation hinein. Aber er stolpert nicht über die Fallen von Egoismus, Habsucht, Hochmut, die uns zu schaffen machen. Er geht seinen Weg als der Gerechte, der andere auf seinen Weg mitnimmt, ihnen neue Wege des Lebens weist. Eine Bergpredigt, die viele unserer Gedanken auf den Kopf stellt. Und hie und da blitzt etwas von seiner heilvollen Gegenwart auf, wo Wunder geschehen und Menschen geheilt werden.

Er geht diesen Weg anders als alle anderen – und darum führt dieser Weg ins scheinbare Scheitern am Kreuz. Und es gehörte zu seinem Verständnis von Gehorsam gegen sich selbst, dass er diesen Weg nicht abbrach, als es sich zeigte, dass er sein Leben verlieren würde.

Jesus als derjenige, der diesen Weg in letzter Konsequenz vom Anfang bis zum Ende gegangen ist. Und seine Auferstehung hat gezeigt, dass dieser Weg letztlich der richtige war.

Liebe Gemeinde,karfr2
Gott hätte am Ostersonntag sagen können: So, ihr Menschen, ihr habt jetzt am Beispiel Jesu gesehen, wie der richtige Weg aussieht, jetzt ist es an euch, diesen Weg auch zu gehen. Und wir wissen, wie kläglich wir scheitern würden.

Stattdessen macht er uns Menschen ein Angebot: Das, was Jesus Christus getan hat, das werde ich dir Mensch anrechnen, allein, wenn du dein Leben ihm anvertraust. Dann sehe ich dich wie ihn als einen Gerechten an, dann bist du mit mir versöhnt. Jesus hat den Deckel der Bundeslade abgelöst, jetzt ist er derjenige, bei dem ich Versöhnung mit Gott finden kann.

Auf unserer Hostiendose sind die beiden Kreuze neben Jesus leer. Da ist noch Platz, vielleicht, damit ich mir vorstellen kann, dass ich an seiner rechten Seite stehe, ihm mein Leben anvertraue und sage: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!”

 

Amen

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