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Predigt zur Taufe von Daniel Geduld – die besondere Form von Stärke (Sprüche 16,32) 14. November 2009

Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, ist besser als einer, der Städte gewinnt. (Sprüche 16,32)

Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilie,

am Donnerstag war der internationale Tag der Weltrekorde. Überall versuchten Menschen mit neuen Bestleistungen ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen. In vielen Zeitungen war darum Manjit Singh zu finden. Er stellte einen neuen Rekord auf, indem er einen achteinhalb Tonnen schweren Doppeldecker-Bus mit seinen Haaren 21,2 Meter weit gezogen hat.
Eine beachtliche Leistung – Kraft hat er, der Kamerad, der zuvor auch schon Düsenjets gezogen und Wärmflaschen bis zum Platzen aufgeblasen hat. Und so ist er wieder  für einen Tag in aller Munde. – So berühmt, dass er sogar in der Gollhöfer Kirche als Predigtbeispiel dient.

Ich stelle mir vor, Manjit Singh geht am Donnerstag abend nach seinem Weltrekord heim zu seiner Familie im englischen Leicester. Seine Tochter fragt ihn, ob er ihr bei den Lateinhausaufgaben helfen kann, der Sohn hat etwas in Mathematik nicht kapiert und die Kleinste jammert: „Bei meiner Barbiepuppe ist der Arm ganz wackelig, kannst du das reparieren?” Achja, da ist noch seine Frau, sie hätte es gerne, wenn er mit ihr bespricht, wo der nächste Urlaub hingehen soll.
Da sitzt er dann da, der stärkste Mann Englands und muss sich damit abfinden, dass die ganze Kraft, der Applaus und die Berühmtheit nichts wert ist, wenn man seinen ganz normalen Alltag bestreiten muss. Da werden einem offenbar ganz andere Höchstleistungen abverlangt.

Im Buch der Sprichwörter in unserer Bibel hat sich diese Erkenntnis schon vor zweieinhalb tausend Jahren niedergeschlagen. Und Sie haben für ihren Sohn Daniel diesen Satz als Taufspruch ausgewählt: Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, ist besser als einer, der Städte gewinnt. Wahre Stärke, wie wir sie im Leben oft brauchen, ist eine andere Form von Kraft. Mit Macht und Gewalt lässt sich manches tatsächlich erreichen – das kann man nicht verleugnen – aber unterm Strich sind oft andere menschliche Eigenschaften die größere und wirkungsvollere Form von Stärke.

Dass man mit Geduld oft weiter kommt, als mit schneller Schlagkraft, haben viele schon erlebt. – Nicht nur dann, wenn man an einen ebenbürtigen Gegner gerät. Das gilt im kleinen genauso wie auf den höheren Etagen der Politik.
Dass es wichtiger ist, sich selber zu beherrschen, statt stets über andere Macht auszuüben – das kapieren manche leider erst zu spät – nämlich dann, wenn sie vor den Trümmern ihrer Machtspielchen stehen.

Der Taufspruch von Daniel ist ein Teil der Buches der „Sprichwörter”. Ein Buch das ganz pädagogisch daherkommt, und für viele Menschen eine Sammlung einfacher, aber nicht minder wahrer Weisheiten darstellt. Vielleicht ist es manchmal das tragische Schicksal solcher einfachen Wahrheiten, dass man sie aufgrund ihrer Einfachheit oft gar nicht mehr ernst nimmt.

Wenn wir heute unseren Kinder vor allem Durchsetzungskraft, Selbstbewusstsein und alle möglichen Fähigkeiten mitgeben wollen. Wenn wir sie jeden Nachmittag vom einen Kurs zum nächsten scheuchen:
Karate, Fußball, Taek-Won-Do, Ballett, Gitarre, Trompete, Flöte, Cello, Progressive Entspannung, meditatives Töpfern, Intensivkurs Latein und Argumentationsmethoden für Anfänger.
Es ist nur verständlich, wenn wir unseren Kindern einen guten Start ins Leben geben wollen. Aber ich habe manchmal Bedenken, was wir da auch mit-vermitteln, wenn wir unentwegt und ungeduldig an ihrer vermeintlichen Karriere  herumbasteln. Entsteht da Geduld, die besser ist als Stärke, wächst da die Fähigkeit zur Selbst-Beherrschung statt der Wille alles selbst zu beherrschen?
Es ist wohl kein Fehler, wenn wir versuchen, unsern Kindern das auch vorzuleben und spüren zu lassen. Ich muss nicht immer gewinnen, ich muss nicht alles gleich haben. Ich kann nicht immer ganz oben sein.

Liebe Gemeinde,
wir begehen heute den Volkstrauertag. Wir erinnern uns dabei auch an eine Zeit in unserem Land, in der unbedingte Wille zur Macht und Herrschaft und die Glorifizierung von Siegen über andere das offizielle Motto eines Staates war. Und wir wissen, in welche Katastrophen und welches Elend weite Teile unserer Welt dadurch gestürzt worden sind.

Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, ist besser als einer, der Städte gewinnt. Dieser Satz steht in der Bibel – aber erscheint uns zunächst einmal als ganz normale Lebensweisheit – die könnte ein Christ, ein Muslim oder ein Buddhist wohl genauso formulieren. Wo spielt Gott eine Rolle in diesem Gedanken?

Ich denke: Genau dort, wo meine Lebenseinstellung mit ihm rechnet – oder eben nicht mit ihm rechnet! Wenn ich frag „was kostet die Welt” – dann frage ich tendenziell nicht danach, was Gott für einen Plan mit dieser Welt hat. Wenn ich der Überzeugung bin: Ich bin der Chef im Ring und bestimme, wo es lang geht – dann ist mir meist egal, was Gott von meinem Ideen hält. Es gibt Lebenshaltungen, die naturgemäß Gott als Faktor des Lebens ausblenden. Dann werden Menschen auch schon mal selbstherrlich, kritikunfähig und verlieren oft auch wichtige Maßstäbe im Leben.
Aber es geht auch anders: Ich kann mein Leben im Bewusstsein gestalten, das ich nicht der Stärkste und Mächtigste bin. Ich kann mir angewöhnen, auch einmal innezuhalten und zu überlegen, ob das, was ich gerade tue, im Licht des Glaubens betrachtet wirklich eine gute Entscheidung ist.

Wer sich Schwäche eingesteht, dem fällt es leichter, Gott um seine Hilfe zu bitten.
Wer Geduld gelernt hat, der kann auch damit umgehen, dass eben nicht alles so läuft, wie gewünscht, der wird auch nicht daran verzweifeln, wenn seine Gebete nicht so erhört werden, wie er es sich erhofft hat.
Wer sich selbst beherrschen kann, wer weiß in seinem Inneren, dass nicht er der Maßstab für Alles ist. Für den kann es das Normalste auf der Welt sein, für Gottes Willen Platz in seinem Leben einzuräumen.

Liebe Eltern, liebe Patin,
Ihr Daniel hat ja einen recht berühmten Namenspatron: Der biblische Prophet Daniel, dem im Alten Testament ja ein eigenes Buch gewidmet ist. Ein hochintelligenter Mann, wahrscheinlich aus sehr gutem Haus, kommt in die Dienste des babylonischen Königs Nebukadnezar. Er, und seine drei Freunde,  haben dort gute Chancen auf eine glänzende Karriere.  Und immer wieder kommen sie in Situationen, in denen sie sich entscheiden müssen: Weil ihr König Dinge von ihnen fordert, die ihren Glaubensüberzeugungen widersprechen. Und sie entscheiden sich dafür, ihrem Glauben zu folgen, sogar wenn sie dabei in große Gefahr geraten.

Obwohl Daniel bereits einflussreiche politische Ämter hatte, war er sich bewusst: Meine Macht, meine Stärke ist begrenzt, es gibt immer welche, die stärker sind. Und wenn es brenzlig wurde vertraute er nicht auf seine vermeintliche Macht, sondern nutze seine Tugend der Geduld, der Selbstbeherrschung und des Gottvertrauens. So überstand er Krisen – auch das Abenteuer in der Löwengrube.

Wie das geht – oder besser gesagt: Das das geht, ist immer wieder ein Wunder. Aber das ist genau das, was auch unseren Glauben ausmacht: Dass wir eben nicht allein auf allgemeine Weisheiten bauen müssen die uns mehr oder minder einleuchten, sondern wir haben es mit einem Gott zu tun, der auch immer wieder für eine Überraschung gut ist.

Amen

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