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Predigt: Haushalter der Geheimnisse Gottes (1. Kor 4, 1-5), 13. Dezember 2009 – 3. Advent

Liebe Gemeinde.

Miriam ist sauer auf ihre Deutschlehrerin. In der wichtigen zehnten Klasse hat sie eine Schulaufgabe mit einer 6 benotet: „Themaverfehlung, da gibts nicht viel zu retten”, hat die Lehrerin gesagt. Aber Miriam sieht das nicht so, sie hat die Aufgabenstellung der Schulaufgabe ganz anders verstanden – und bloß weil die Lehrerin nur die eine Deutung der Fragestellung zulässt, kassierte Miriam die sechs! Obwohl die Arbeit an sich ganz ordentlich war – aber eben am Thema vorbei – zumindest sah die Lehrerin das so. Und damit war die Diskussion für sie beendet.

Für Miriam nicht: Sie ärgert sich noch immer darüber – obwohl das alles jetzt schon 25 Jahre her ist und sie durch diese Schulaufgaben-Sechs keine weiteren Probleme bekommen hat. Aber über die empfundene Ungerechtigkeit damals regt sie sich auch heute noch auf, wenn sie daran denkt.
Ungerecht beurteilt werden. Unschuldig abgeurteilt werden. Das sind Erfahrungen, die viele Menschen nicht so einfach wegstecken können. Wenn man sich ungerechtfertigt ins schlechte Licht gestellt fühlt, dann muss man sich wehren – das ist anscheinend ein menschliches Grundbedürfnis.

Auch der hochgeschätzte Apostel Paulus musste mit solchen Erfahrungen kämpfen. Er erlebte, dass in der Gemeinde, die er gegründet hatte, andere ihn zunehmend schlechtredeten. Er war derweil hunderte von Kilometern entfernt in Ephesus – und so blieb ihm nichts anderes übrig, als in einem Brief der Gemeinde ins Gewissen zu reden.
Einen kleinen Ausschnitt davon hören wir im heutigen Predigttext aus dem 1. Korintherbrief.

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. [2] Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. [3] Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. [4] Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet. [5] Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.

Liebe Gemeinde,

ir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht – ein Satz, fast wie in Stein gemeißelt, edel und souverän formuliert. Da steckt was drin:
Eigentlich kann es mir egal sein, was Menschen über mich denken.
Und: Darum werde ich auch über Andere Menschen nicht urteilen.

Wenn das so einfach wäre, wie es klingt, dann könnte ich jetzt von der Kanzel herunter, weil ich́s ihnen ja nur mal wieder in Erinnerung rufen wollte, dass wir ja alle nicht vom Urteil anderer abhängig sind, und auch selber nicht
über andere urteilen wollen. Aber so einfach ist es eben nicht.
Auch nicht für den Apostel Paulus – trotz dieses schönen Satzes. Denn sonst würde er nicht mehrere Kapitel hinweg mit dem Korinthern herumstreiten, weshalb sie ihn so negativ bewerten.

Es geht ja um etwas zutiefst menschliches: Ich habe als Mensch in der Regel ein Grundbedürfnis, von Anderen geliebt und angenommen zu werden. Darum ist mir nicht egal, wenn Andere mich anders sehen, als ich mich selbst einschätze. Wenn andere mich negativ beurteilen, obwohl ich meine, nach außen ein ganz passables Bild abzugeben – dann lässt mich das nicht kalt.

Mein Wert als Mensch – da hat Paulus ja völlig recht – steht und fällt nicht mit dem Urteil der Anderen. Aber doch wurmt es mich, wenn sie kein gutes Bild von mir haben.
Umgekehrt ist es mit dem „Urteilen” auch so ein Dilemma: „Ich richte selbst nicht” hat der Apostel geschrieben – ja, Paulus, wenn du das schaffst, tust du dir und anderen Menschen einen großen Gefallen. Denn wir wissen ja, wie vorläufig und oberflächlich unsere Urteile über andere oft ausfallen. Wir können nicht in die Menschen reinschauen. Darum ist es ja auch nicht unsere Aufgabe, Urteile zu fällen.

Aber trotzdem kann ich mich dem allen nicht so einfach entziehen: Ich habe ja zwei Augen und nehme wahr, wie Menschen leben, was sie sagen, wie sie sich verhalten. Da entsteht zwangsläufig ein Bild von einer Person … und schon bin ich dabei, mir eine Meinung, ein Urteil zu bilden. Das lässt sich ja kaum vermeiden.

Da ist es manchmal eine richtige innere Kraftanstrengung, jemanden nicht in eine bestimmte Schublade einzusortieren. Sondern offen zu lassen, dass da noch was anderes ist, neben dem, was ich da so sehe oder zu sehen glaube.

Ist der Herr Mustermann wirklich so ein fauler Strick, der sich auf Hartz4 ausruht, seine Frau das Holz hacken lässt und den Pascha macht? Oder weiß ich nur nicht, dass er von Depressionen zerfressen aus seinem Sofa sitzt – er so gerne wieder raus gehen und arbeiten möchte – aber diese psychische Krankheit, von der er niemanden zu erzählen traut, nagelt ihn förmlich in der Wohnung fest.

Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.

Liebe Gemeinde,
Paulus schreibt in diesem Abschnitt seiner Briefes nicht nur, was er nicht will, und was ihm nicht gefällt, sondern gleich in den ersten Zeilen macht er deutlich, was will.

Ich bin Diener Gottes und Haushalter über Gottes Geheimnisse. – Moment, ich muss da noch mal genau hinsehen. Er schreibt: Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. „Uns” steht da. Diesen Job hat nicht nur Paulus, sondern „wir” – und als evangelischer Christ komme ich nicht drum herum: Da sind wir alle gemeint.

„Haushalter über Gottes Geheimnisse”: eine interessante Berufsbezeichnung. Ein Haushalter, heute würde man vielleicht Geschäftsführer sagen – Paulus hat da „Oikonomos”, also Ökonom geschrieben –  hat die Aufgabe, das ihm Anvertraute nach besten Kräften zu verwalten, so dass es gewinnbringend, zum Wohl aller eingesetzt wird. Das hat Dynamik – da soll etwas gemacht, etwas verbreitet,  Handel getrieben werden.

Und zwar mit dem Geheimnissen Gottes. Und auch da greife ich mal auf das griechische Wort zurück, das Paulus da geschrieben hat, denn das kennen wir: Mysterium – das Geheimnisvolle – das, was wir nicht einfach so erklären können, aber das uns fasziniert und fesselt. Eben, weil es anders ist, als unsere sonstige Welt. Da Geheimnis Gottes, die Erfahrung, dass Gott anders handelt, als wir es gewöhnlich erwarten oder selber tun würden.
Dass Gott ein Baby in die Welt schickt, um die Menschen zu befreien.
Dass er Wunder tut und damit unsere Vorstellung von dieser geregelten Welt durchbricht.
Dass er als Gottes Sohn sich von Menschen kreuzigen lässt.
Dass ein Toter wieder aufersteht und damit dem Tod die Macht entreißt.

Das ist letztlich nicht einfach logisch erklärbar, ein Mysterium. Und das ist das Besondere am Glauben. Dass er offen ist für etwas, was wir nicht so einfach beschreiben können, für diese andere Welt, die für uns unsichtbar und oft fremd ist.
Geschäftsführer für die Verbreitung dieses Geheimnisses.
Leute, die andere mitnehmen auf dem Weg, des Glaubens.
Die andere ermutigen, auf Gott zu vertrauen. Die ihm zutrauen, dass sich durch ihn im Leben etwas verändern kann.
Leute, die Advent und Weihnachten als Zeit gestalten die an die Geburt Jesu erinnert, und nicht an den Weihnachtsmann. – Ohne miesepetrig und besserwisserisch die anderen zu belehren, dass die Weihnachten „falsch” feiern.  Leute die sich und anderen einfach bewusst machen: Es geht darum, dass Gott mit diesem Kind in unsere Welt hineingekommen ist – auch wenns schwer zu verstehen ist – aber dafür ist es ja auch ein Mysterium.

Haushalter über Gottes Geheimnisse. Keine Geheimniskrämer, die aus ihrem Glauben ein Staatsgeheimnis machen, sondern Menschen, die andere einladen, Weihnachten als Fest des Glaubens zu feiern.

Amen

 

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