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Predigt: Aus der Krise zum Licht (2. Korinther 4, 6-11) 24. Januar 2010

EineBild: Christian Evertsbusch / pixelio.de Krise positiv zu sehen – mancher Zeitgenosse kann diesen Appell schon nicht mehr hören. Und doch kann Paulus nicht anders!

Predigttext:
[6] Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. [7] Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. [8] Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. [9] Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. [10] Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.

Paulus in der Krise?

Liebe Gemeinde,
was ist dem Apostel Paulus wohl manchmal durch den Kopf gegangen, wenn er abends irgendwo in einem kleinen Städtchen in Kleinasien auf seiner Matte lag und darauf wartete, dass er einschläft?

Da liegst du hier, weit weg von deiner Heimat, für ein paar Wochen einquartiert bei einer Familie, die sich bereiterklärt hat, dich für ein paar Wochen aufzunehmen. Unbequem ist es, du spürst, dass du ihnen zur Last fällst – auch wenn sie das Gegenteil behaupten. Aber jeder merkt, dass der Platz im Haus eigentlich nicht reicht.
Jeden Tag versuche ich Leute vom Glauben an Jesus Christus zu überzeugen, sie zu gewinnen, sie einzuladen zu den Gottesdiensten am Abend. Am Marktplatz, in den Gassen,  vor der Synagoge. Rein lassen sie mich ja schon nicht mehr; der Synagogenvorsteher hat es offen ausgesprochen: Wer der neuen Lehre des Paulus folgt und sich taufen lässt, gehört nicht mehr zum Volk der Juden. Immer feindseliger werden meine einstigen Glaubensbrüder mir gegenüber – das ist immer wieder eine Enttäuschung.  Die Heiden sind da weniger aggressiv – viele lachen einfach nur, wenn ich ihnen von Jesus erzähle – aber auch das tut immer wieder weh.
Wenn wir uns hier in diesem Haus am Abend treffen und jeden Tag zwei, drei Leute neu dazukommen, um vom Evangelium zu hören, dann ist das wie Balsam auf meine Seele.
Aber wer weiß, wie es weitergehen wird. Irgendwann muss ich weiterziehen, diese Gemeinde zurücklassen, und hoffen, dass sie mit Gottes Hilfe weiter wächst. Nicht so wie in Galatien, wo wenige Monate nach mir in paar Prediger aus Jerusalem mit völlig unsinnigen Lehren auftauchten und alles zerstört haben, was ich in etlichen Monaten aufgebaut habe.
Oder wie in Lystra … das werde ich nie vergessen, dass Menschen so weit gehen konnten, und den Mob dazu aufstacheln, mich zu lychen. Fast wäre ich an meinen schweren Verletzungen gestorben. Mein Knie hat sich nie so richtig davon erholt.
Überhaupt merke ich mein Alter, nach den langen Wanderungen tut mir tagelang alles weh. Bei meinen Predigten verliere ich immer öfter den Faden. Mir graust irgendwie schon jetzt vor meiner nächsten Station, diese griechische Stadt am Meer. Jede Menge versoffene Seeleute, uninteressierte Händler, arrogante Geschäftsfrauen – klar auch ihnen muss Jemand die Botschaft vom der Rettung durch Jesus Christus erzählen, aber ich weiß selber nicht so genau, wie ich das schaffen soll; ob ich dem allem noch gewachsen bin.
Warum tu ich mir das eigentlich an? Ich hätte so ein schönes Leben haben können, als Schriftgelehrter und Zeltmacher im prächtigen Jerusalem. Eine Frau, fünf, sechs Kinder.  Paulus, manchmal bist du ganz schön blöd.

 

Liebe Gemeinde,
es wäre ein Wunder, wenn Paulus nicht ab und zu wirklich die Krise gehabt hätte. Selbstzweifel, Verzweiflung, Kraft- und Mutlosigkeit. Denn der Apostel hat Großes geleistet, aber auch viel durchlitten. Das erstaunliche: Er hat sich Zeit seines Leben erfolgreich gegen das Resignieren gewehrt. Obwohl die Bedingungen seiner Arbeit zunehmend schwieriger wurden.

Er schreibt: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.  Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.

Interessant, wie Paulus in seinem Brief einen Bogen zu Jesu Tod und Auferstehung spannt. Ganz fein lässt er es anklingen: Jesus hat gelitten, und ich als sein Jünger leide auch, aber so wie er das Leiden und den Tod überwunden hat, so hoffe ich, dass auch bei mir letztlich das Leben und das Gute siegt.

Der Schatz in irdenen Gefäßen

Unterm Strich zieht Paulus eine positive Bilanz. Aber zugleich lässt er keinen Zweifel, dass es zum Leben, auch zum Christsein, dazu gehört, dass man einmal kaputt, am Ende, depressiv, krank und verzweifelt ist. Das darf sein.
Ganz im Gegensatz zu manchen frommen Gruppen, die vollmundig behaupten, mit Jesus ist alles ganz kein Problem, wer nur genug betet, wird auch geheilt, wer Gott vertraut, wird gerettet, wer Hoffnung hat, braucht nicht traurig sein.
Nein – wir sind keine Helden im unverwüstbaren Astralkörper, wir gleichen eher einem zerbrechlichen Tontopf, an dem hie und da schon ein Eck abgeplatzt ist.
Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.

So formuliert Paulus das Bild des Menschen: Ein „irdenes Gefäß” Eine empfindliche Vase, eine Keramikschüssel, ein Milchtopf aus Steingut – egal, wie wir das heute nennen wollen: Wir sind ein zerbrechlicher Behälter – in dem aber ohne Frage viel los ist, in dem Gott viel hineingegeben hat.
Überschwängliche Kraft und Zerbrechlichkeit sind beide vorhanden, beides gehört zum Leben dazu – beides sind Grundkonstanten, zwischen die Gott unser Leben stellt.
Da sollten wir keine der beiden Hälften ausschließen wollen. Beides gehört dazu. Die Erfahrung, dass alles mit Gottes Hilfe glatt läuft – und das heulende Elend, wenn ich die Krise habe, weil ein Tiefschlag dem andern folgt.

Der Wegweiser zeigt zum Licht

Zwei Seiten, Licht und Dunkelheit, beide gibt es, beide gehören zum Leben dazu – aber beide sind nicht deshalb gleich „gut”.
Da gibt es eine eindeutige Richtungsangabe: Das Licht soll unser Ziel sein. Denn schon zu Beginn der Welt hat Gott gesagt „es werde Licht”.
Das war seine allererste Schöpfungstat. Die Dunkelheit allein hat ihm offensichtlich nicht gefallen. Licht musste her – und das gilt bis heute: Das Dunkel existiert, aber wir sollten sehen, dass wir uns vom Licht bescheinen lassen. Das Licht suchen statt über die Dunkelheit zu klagen.

Paulus hat es für sich oft genug vorgemacht: Wo er in seinen Briefen durchscheinen lässt, dass es ihm zur Zeit schlecht geht, er krank ist, verhaftet wurde, oder an einer störrischen Gemeinde verzweifelt: Letztlich ist seine Botschaft eine positive: „Das alles werde ich überstehen, denn es ist nichts im Vergleich zu dem wunderbaren, was Gott in dieser Welt – auch durch mich – tut”.  Er richtet seinen Blick auf das, was gut ist, was aufbaut, worüber er froh und dankbar sein kann.

Vielleicht sollten wir da von ihm lernen: Gerade wo es schwierig ist, auf das Positive sehen. Sehen, wofür man dankbar sein kann.

Heute Nachmittag verabschieden wir unseren Dekanatskantor Andreas Hellfritsch. Die Stellenkürzung um 50% hat ihm keine andere Wahl gelassen. sich im Herbst die Nachricht über seinen Weggang in Windeseile verbreitete gab es viel Bestürzung und Traurigkeit, aber auch Ärger über mögliche Fehlentscheidungen kirchlicher Amtsträger. Aber es ist gelungen, diesen Frust zu überwinden. So ist dieser Weggang geprägt von Dankbarkeit für die segensreiche Arbeit dieses Kirchenmusikers – und zugleich habe es viele engagierte Ehrenamtliche geschafft , die Grundlagen zu legen, dass hier wieder eine volle Kirchenmusikerstelle ausgeschrieben werden kann.
Der Blick zurück im Zorn kann nichts aufbauen, aber die Sehnsucht nach etwas gutem Neuen kann Kräfte freisetzen.

Viel dramatischer, ist ein anderes Beispiel: Manche Bilder aus dem zerstörten Haiti fand ich da ganz erstaunlich: Die enorme Freude der Helfer, wenn sie wieder einen Menschen lebend aus den Trümmern geborgen haben. Sie erscheint einerseits so unwirklich angesichts der über hundertausend Todesopfer. Aber die Menschen dort richten sich an dem auf, was an guten Nachrichten, an Rettung, an Hilfe passiert.
Vielleicht auch, weil man wahnsinnig werden würde, wenn man den Blick nur auf das dortige Leid richten würde.

Vergessen wir nicht, unsern Blick immer wieder am Licht auszurichten.

Damit Dankbarkeit und Zuversicht unser Leben prägt. Es gibt täglich genug schweres. Dem sollen wir nicht ausweichen, sondern versuchen es zu bewältigen mit unserer ganzen Kraft, mit Mut und mit Gottes Hilfe.

Amen

 

Bild: Christian Evertsbusch / pixelio.de

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