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Predigt: lebendig und kräftig und schärfer (Hebr 4, 12-13) 7. Februar 2010

PredigtBild: Michael Ottersbach/pixelio.de zum Partnerschaftssonntag. Hintergrund ist die Partnerschaft des Dekanats Uffenheim mit der Diözese Massai-Nord in Tansania

Hebr 4, 12-13:
Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. 13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Liebe Gemeinde,
lebendig, und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. So wird in unserem Predigttext das Wort Gottes beschrieben. Ein richtiges Kompliment an unsere Bibel ist das – es könnte fast als Werbe-Etikett im Buchladen auf der Bibel draufpappen: „Jetzt neu: lebendig, kräftig und schärfer”.
Aber ehrlich gesagt frage ich mich, ob sich das mit meiner Wahrnehmung deckt.

Lebendig?

Lebendig … naja, manchmal bin ich schon am Grübeln. Wenn ich einen Predigttext habe, einen Abschnitt aus den Paulusbriefen beispielsweise, der mit seinen endlosen Schachtelsätzen schon mich als Leser verwirrt zurücklässt. Immer wieder muss ich um ein paar Zeilen hochrutschen, um herauszufinden, worauf sich der aktuelle Nebensatz eigentlich gerade bezieht.
Wenn dann der Inhalt auch noch kompliziert wird, ist man als Hörer im Gottesdienst recht schnell auf verlorenem Posten. Wir in Gollhofen behelfen uns ja schon seit einigen Jahren bei den biblischen Lesungen damit, dass unsere Lektoren schwierigenTexten eine einführende Erklärung vorausschicken.
Wie lebendig ist ein Text, den man schon vorher erklären muss, damit man ihn hinterher versteht?

Wir Pfarrer tragen da manchmal unseren Teil dazu bei, dass biblische Worte nicht allzu lebendig werden. Wir haben im Studium gelernt, Texte genau zu analysieren, sie präzise mit dem Mitteln der Wissenschaft zu sezieren … naja das sagt ja schon einiges: „Sezieren”- das macht man mit Toten, nicht mit Lebendigen.
So kanns passieren, dass eine Predigt zwar vorbildlich am Schreibtisch entstanden ist, theologisch exakt, aber der Text der Bibel leblos, kraftlos bleibt,  – erklärt statt belebt.

Lebendig, und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert – das wird eine biblische Geschichte oft dann, wenn wir ihr unmittelbar begegnen.  Ohne die Distanz der Wissenschaft, ohne einen erklärten historischen Abstand. Wenn ich davon ausgehe, dass das, was da steht, mir gesagt wird.
Da entstehen neue Predigtkonzepte, die das Ziel haben, den Hörer in die Begegnung mit den Text hineinzuführen, die Spannungen der biblischen Berichte, die Konflikte der Erzählungen, die Atmosphäre eines Psalms selber zu spüren.
Gottes Wort erleben statt erklärt bekommen, das ist eines der neuen Modelle, die dieses Wort als lebendiges Wort ernst nehmen.

Ich habe das Gefühl, dass unsere Geschwister in Tansania uns da ein Stück weit voraus sind. Denn dort habe ich erlebt, wie viele Menschen die biblischen Worte viel unmittelbarer hören und auf sich beziehen, als wir das tun.
Wenn da die Geschichte eines geheilten Gelähmten erzählt wird, und man spürt, wie so ein Mitfreuen mit diesem Geheilten durch den Raum zieht: „Hey, der ist gesund geworden, das ist ja wunderbar. Herrlich, freuen wir uns, was für wunderbare Dinge Gott für uns Menschen tut. Wer weiß, welche Überraschung er noch für dich und mich bereithält” .

Und der gesamte Gottesdienst bekommt einen anderen Charakter: Freude, Dankbarkeit und Hoffnung breitet sich aus, weil man hört, wie Gott wirkt. Und damit verbunden die Erwartung, dass da gleiche Wunderbare auch in meinem Leben passieren könnte.
Lebendiges Wort, eines das Hoffnung stiftet, wo wir es auf uns beziehen.
Liebe Gemeinde, wir in Deutschland leben da in einer anderen Tradition. Wir haben ein ganz anderes geistesgeschichtliches Gepäck mit dabei, das können wir auch nicht einfach abstreifen.
Aber doch: Was spricht dagegen, manchen biblischen Erzählungen wieder ursprünglicher zu begegnen? Sich mitzufreuen mit den Geheilten, mitzuleiden mit den Geknechteten, sich mitzuärgern über die Selbstgerechten und Egoisten. Dann würden wir häufiger etwas spüren von dem „Lebendig und kräftig und schärfer.”

Kräftig

Kräftig – ja, kräftig wird dieses lebendige Wort, wenn man es anwendet.
Dort, wo es unmittelbar auf unser Leben trifft, ohne Vermittlung, ohne Erklärung, einfach so. Dann fließt diese Kraft. Ein Phänomen, das sich nicht so einfach erklären lässt.
Wenn der Psalm 23 Sterbenden Kraft und ein Zuhause vermittelt, das kein anderes Wort schaffen kann.
Wenn Menschen mir sagen: Mein Konfirmationsspruch, der hat mich in den letzten 50 Jahren schon oft durch schwere Zeiten hindurch getragen.
Das ist wunderbar, da braucht man nichts dazu sagen.

Wenn in Tansania die Gemeinden ihre neugebauten Kirchen größer bauen, als sie es momentan eigentlich bräuchten. Weil sie sagen: Jesus hat uns aufgetragen, alle Menschen zu Jüngern zu machen, und wir wollen neue Menschen für den Glauben gewinnen – darum müssen wir unsere Kirche größer bauen. Denn wir vertrauen, dass das Wort Gottes bei den Menschen wirkt.
Da sieht man, wie viel Kraft aus diesem Buch der Liebe Gottes geschöpft werden kann.

Schärfer

lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.

Was man unter einem scharfen zweischneidigen Schwert zu verstehen hat, wissen die Massai in unserem Partnerdekanat besser als wir: Zur Grundausstattung eines Massai-Kriegers – also eines erwachsenen Mannes – gehört seine Lanze. Und diese Lanzen sind scharf! Das sieht man ihnen gar nicht so an.
Ich werde es nicht vergessen: Als ich vor vielen Jahren dort war und zusammen mit einigen Massai auf der Ladefläche eines Geländewagens saß,  wirkten ihre Speere wie verbeultes Alublech, Männerspielzeug.  Meine erste Begegnung mit dieser Lanze war dann gleich ein blutige: Ich bin beim Absteigen nur ganz leicht hingekommen, und sofort hatte ich mich geschnitten. Ich hatte diese Dinger total unterschätzt.

Das Wort Gottes als zweischneidiges Schwert? Vielleicht auch als eines, das man nicht unterschätzen sollte?
Massai-Männer können davon ein Lied singen. Wenn ein männlicher Massai sich entscheidet, sich taufen zu lassen und Christ zu werden, hat das durchaus einschneidende Folgen. Allein schon die Verpflichtung nur eine einzige Frau zu heiraten. Und das wird als echte Einbuße wahrgenommen, weil die Frauen die zentralen Arbeitskräfte sind, und je mehr man hat, umso besser.
Wer sich als Massai für den christlichen Glauben entscheidet, hat sich das gut überlegt und ist bereit, seinem neuen Glauben entsprechend sein Leben neu zu gestalten.
Einschneidende Änderungen – ein Glaube, der mich zwingt, Lebensweisen zu verändern, Gewohntes aufzugeben, einen Schnitt zu machen um etwas neu zu beginnen. – Das ist das zweischneidige Schwert, von dem der Hebräerbrief spricht.
Und das gilt auch für uns. Oft genug spüre ich auch, dass mir Gottes Wort einen Spiegel vorhält und mir deutlich wird, was nicht in Ordnung ist. Wo Änderungen, wo Einschnitte notwendig sind. Wo ich spüre, dass mein Handeln, eine Entscheidung, ein klares Wort notwendig sind.

Dann schlägt die Stunde der Ausreden, der Entschuldigungen, des „so einfach ist es in unserer modernen Welt nicht”.
Klar, da drückt man sich vor manchen, was unangenehm oder manchmal nur unbequem ist. Dann ist man vielleicht wieder froh, wenn der Pfarrer dann sagt: Nun ja, dieser Text ist ja alt und aus einer vergangen Zeit und fremden Kultur, darum müssen wir auch bei den Forderungen Jesu überlegen, ob sie wirklich so gemeint sind, und und und.
Und dann haben wir den biblischen Text wieder auf dem Seziertisch des kirchlichen Gerichtsmediziners und wundern uns über die Leblosigkeit der alten biblischen Worte. – Und damit wären wir wieder beim alten Problem!

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Liebe Gemeinde,
lebendig und kräftig und schärfer – ich denke, diese drei Eigenschaften gibt es nur in der Kombination aller drei. Wenn wir wollen, dass dieses Wort lebendig ist und uns Kraft gibt, dann müssen wir es auch ernst nehmen, wenn es uns unangenehme Wahrheiten sagt.

Amen

Bild: Michael Ottersbach/pixelio.de

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