• Werbung

Predigt: Lasse dich nicht vom Bösen überwinden (Römer 12, 21) 1. Januar 2011, Jahreslosung 2011

Predigta_jahreslosung2011 zur Jahreslosung 2011. Das Graffiti von Banksy drückt aus: Es ist schwierig, das Böse mit Gutem zu überwinden.

Liebe Gemeinde,
falls sie nicht schon längst wissen, welche guten Vorsätze Sie fürs Neue Jahr fassen wollen: Eben haben Sie in der Lesung aus dem Römerbrief ein gutes Dutzend an guten Ratschlägen gehört:
Sei ehrlich in deiner Freudlichkeit.
Sei nicht träge, übe Gastfreundschaft und fluche nicht.
Feiere mit den Fröhlichen und weine mit den Traurigen.
Verzichte auf Rache.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
… und etliche andere. Ja, da h
ätten wir ja schon mal einiges zu tun, im neuen Jahr.

Ehrlich: Ich tu mir mit so einer Liste unheimlich schwer. So ein Mordspaket an guten Ratschlägen und Forderungen, sie sind ja alle gut und richtig, aber sie wirklich anzupacken ist schwierig. Da kann ich eigentlich bloß sagen: Ja, genau, stimmt, … aber letztlich werde ich doch auf die Nase fallen.
Es ist viel zu viel auf einmal.

Darum will ich mit Ihnen nur auf einen einzigen dieser Ratschläge schauen, und drüber nachdenken was es heißt, wenn ich diesen tatsächlich im nächsten Jahr mit Leben füllen möchte.  Den letzten in dieser Liste habe ich mir vorgenommen; der ist nämlich auch die Jahreslosung für 2011:
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Auf den ersten Blick ist dieser Spruch genauso wie die anderen auch. Ein guter Ratschlag, ganz in der Linie von Jesu Botschaft von Nächsten- und Feindesliebe. Theologisch gibts da keinen Haken ….
Aber praktisch sieht die Sache ganz anders aus: Das Böse mit dem Guten überwinden ist ein sehr kniffliges Projekt.

Der Blumenwerfer

a_jahreslosung2011

Dieses Motiv können sie kostenlos als e-card über die Seite der Grafikerin Eva Jung versenden. www.godnews.de

Vielleicht kann uns ein Blick aus dieses Foto helfen, dass Sie in den Händen halten. Sie sehen ein Graffiti an der Wand einer Werkstatt. Ein junger Mann ist da dargestellt. Gradewegs aus einer Straßenschlacht autonomer Gruppen gegen die Polizei könnte er abgemalt sein. Sweatshirt, das Gesicht zum Teil vermummt, eine Baseball-Mütze auf dem Kopf. Wütend und konzentriert blickt er auf seine Gegner. Sein Körper ist angespannt, gleich wirft er mit der Kraft seiner ganzen Wut  sein Geschoss auf die da drüben.
Aber in seiner Hand sehe ich keinen Pflasterstein, kein Molotow-Cocktail: Es ist ein Blumenstrauß. Ein kleiner bunter Blumenstrauß.

Ein wirklich komisches Bild. Komisch, nicht lustig! Eher im Gegenteil: Es tut fast schon weh, zu sehen, wie das nicht zusammenpasst: Dieser schwarz Vermummte, und schwarz Gemalte, mit dem Ausdruck seines Körpers,
in dem so viel Aggression und Wut steckt.

Wobei ich ja gar nicht weiß, woher diese Aggressivität kommt.
Vielleicht ist sie Ausdruck von Hilf-und Machtlosigkeit, vielleicht auch als Rache angesichts von Unterdrückung und Ausgrenzung. Wer weiß?
Auf jeden Fall ist da diese spürbare Aggression – und dann dieser Blumenstrauß, bunt in grün, rot und gelb, filligran gemalt.Das passt nicht zusammen!Am liebsten würde ich dem Kerl den Blumenstrauß aus der Hand nehmen, und sagen: „Lass du die Blumen in Ruhe!” Aber ich habe das Gefühl, dass das keine gute Idee wäre, vielleicht würde er dann ja doch wieder zum Pflasterstein greifen, und den werfen …?

Das Böse mit Guten überwinden ?

Ich habe keine Ahnung, was diesen Blumenwerfer so wütend gemacht hat, aber ich weiß, welche unfreundliche Emotionen mich manchmal erfassen.
Wie das ist, wenn mir Unrecht getan wird.
Wenn ich auf hinterhältige Art übergangen werde.
Wenn mich jemand kränkt, hochnäsig von oben herab behandelt.
Wenn jemand das, was ich mühsam aufgebaut habe, leichtfertig ober absichtlich zerstört.

Ich weiß, was sich da in mir breit macht: Wut, Enttäuschung, Verzweiflung, Aggression. manchmal auch eine große Leere, Frustration, ein Fluchtimpuls: „ach lasst mir doch meine Ruhe!”
Das Böse, was mir widerfährt macht etwas mit mir, es löst bei mir etwas aus. Handlungsimpulse: Wut, Aggression, oder auch Rückzug. Reaktionen, die oft nicht wirklich hilfreich sind.
Aber so bin ich als Mensch nun mal gestrickt: Ich reagiere tendenziell gegengleich auf Böses, das mir widerfährt, schon allein aus emotionalen Gründen.

So liegt es mir näher, es jemanden, der mich verletzt hat, mit gleicher Münze heimzuzahlen, ihn spüren zu lassen, was er mir angetan hat, als ihn mit gesteigerter Freundlichkeit entgegenzukommen.
Ja, da überwindet mich das Böse!

Aus der Haut fahren: Der andere Blickwinkel

Liebe Gemeinde,
ich beschreibe Ihnen gerade ja nichts Unbekanntes. Sie kennen sich ja selbst am besten, und wissen, wo Sie und wie sehr Sie auf Unrecht sensibel reagieren, wann der Moment ist, wo Sie aus der Haut fahren.

Wobei: Der Gedanke mit „aus der Haut fahren” ist vielleicht gar nicht so verkehrt. Denn darin könnte ja auch eine Hilfe liegen. Mal gedanklich herauszuschlüpfen aus der eigenen Gekränktheit und Verletztheit. Die Lage einmal von außen, mit anderen Augen, auch einmal mit den Augen Gottes zu betrachten. Der mich und den anderen liebt.
Darin liegt ja der Kern der Botschaft der Nächstenliebe: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.” (Joh 13,34f.)
Eine neue Sichtweise lehrt uns Jesus. Darin sollen wir erkennbar sein, das soll bei uns Christen anders sein, als sonst auf der Welt. Das ist sein Auftrag an uns.

Ein Auftrag! – Nicht nur ein Ratschlag. Das ist ein Unterschied:
Ein Ratschlag könnte lauten. Seid nett zueinander, dann wird auch wieder klappen mit deinem Mitmenschen. Und das kann man beherzigen, und vielleicht klappt es – und wenn es schief geht, dann war der Ratschlag einfach schlecht. Dann mache ich es demnächst anders, war ja nur ein Tipp.
Jesu Auftrag ist anders: Wir sollen anders handeln, weil wir eine besondere Grundlage in unserem Leben haben. Weil wir auf Gottes Liebe und Vergebungsbereitschaft bauen, müssen wir das auch ins Leben umsetzen. Nächstenliebe ist kein Tipp, sondern Teil christlicher Existenz.
Egal, ob es von Erfolg gekrönt ist, oder nicht!

Ich will es versuchen, mein Projekt Nächstenliebe – weil es mein Weg ist – nicht weil ich dadurch unbedingt ein schöneres und erfolgreicheres Leben habe.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Das ist Gottes Geschenk und Auftrag an uns: Dass nicht das B
öse, das uns widerfährt, unser Denken und Handeln bestimmt, sondern wir uns von seiner Liebe leiten lassen.
Damit ist das auch unser Geschenk an diese Welt, die es bitter nötig hat, dass der Spirale von Gewalt und Hass mit Liebe begegnet wird .

Das ist natürlich oft schwer, kostet mich Überwindung, und bringt mich an meine Grenzen. Weil es meinem Gefühl zuwiderläuft, mit Blumen zu antworten, wo man mir ins Gesicht geschlagen hat. So, wie auf diesem Graffiti – Es passt nicht zusammen, aber es ist der Weg zum Frieden.

Der Geschichte des Fotos

Das Motiv des Blumenwerfers stammt von einem recht renommierten Graffitti-Künstler: Banksy nennt er sich. Es gehört zu seinen bekannteren Werken. Sogar ein Buch über ihn hat dieses Motiv auf dem Titelblatt. Und an mehreren Plätzen dieser Erde wurde es schon an Wände gesprayt.
Dieses Foto hat die Hamburger Grafikerin Eva Jung aufgenommen. Gefunden  hat sie es an einem symboltr ächtigen Ort: In der Stadt Bethlehem, an der Wand einer Autowerkstatt. (Hier die ganze Geschichte dazu in ihrem Internet-Blog…)
Bethlehem, das ist nicht nur der Ort der Geburt Jesu.
Es ist auch mittendrin im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.
Am Ortsrand läuft die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland. Das Symbol der Ausgrenzung, des gegenseitigen Hasses, Symbol für die Benachteiligung der Palästinenser durch den Staat Israel; aber auch Symbol für die gewalttätigen Angriffe der palästinensischer Freiheitskämpfer.
Da fliegen tatsächlich immer wieder Steine.  Es geht hin und her. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Bombe um Bombe. Ein Landstrich, der durch dieses gegenseitige Vergelten geschunden und seiner Zukunft beraubt scheint.

Und da mittendrin in hat jemand dieses Bild an eine Wand gesprüht, unübersehbar, etwa fünf Meter hoch!
Eine Mahnung in Lack.
Auch wenn du manchmal platzen könntest vor Wut und Hilflosigkeit, auch wenn die Pflastersteine zum Werfen schon bereit stehen:
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Du siehst ja, wohin „Auge um Auge” gef
ührt hat. Nimm lieber die Blumen, und versuch́s: Deinen Nächsten mit Liebe und Geduld für dich zu gewinnen, statt ihn zu verletzen. Wenn dir das gelingt, dann habt ihr beide gewonnen.

Amen

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.