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Predigt: Wo ist der liebe Gott geblieben? Warum lässt er Leid zu? (Themenpredigt) 20. März 2011

Nleidenicht nur nach dem Erdbeben in Japan stell sich die Frage: Warum lässt Gott Leid und Katastrophen zu? Diese Predigt wirft einen Blick auf mögliche und unmögliche Antworten

Liebe Gemeinde,

„Was ist Gottes Wille?”, so beginnt einer der Frage-Zettel aus unserer Themenbox zum Aktion „Pfarrer sag mal”:
„Ist es Gottes Wille, wenn ein Kind an Krebs stirbt oder unverschuldet an einem Unfall? Wenn durch ein Erdbeben Tausende von Menschen sterben. Wenn einer Frau der ersehnte Kinderwunsch unerfüllt bleibt, während andere Mütter ihre Kinder umbringen oder einfach wegwerfen. Kann das Gottes Wille sein?”

Leid: Unser emotional-kognitives Dilemma

Soweit die Frage. Und auf den ersten Blick ist die Antwort ja recht einfach: Ich kann es mir nicht vorstellen, dass so etwas von Gott gewollt ist, dass Menschen ins Unglück stürzen. Denn solche Katastrophen stürzen Menschen ins Unglück: Beim Tod eines Kindes betrifft es vor allem diese eine Familie, für die die Pforten zu Hölle auf Erden aufgehen. Bei so einem Desaster wie in Japan ist das die gleiche persönliche Tragödie, aber eben in tausendfacher Vervielfältigung.

Mein Bild von Gott, wie er sich uns in Jesus Christus gezeigt hat, mit seiner heilvollen Zuwendung an die Menschen, das passt nicht zusammen mit einem Himmelsherrscher, der das Leben von Menschen in solche Abgründe stürzen lassen will.

Aber: Sobald ich das behaupte, bekomme ich ja ein Problem: Wenn Gott der Herr dieser Welt ist, warum passieren denn dann solche Tragödien? Ist er doch nicht so mächtig … oder ist er doch nicht so „lieb” wie wir ihn gerne hätten?
Das ist eine Frage, die einen allein schon intellektuell herausfordert.
Aber ungleich dramatischer stellt sie sich, wenn man vom Leid selbst betroffen ist. Denn dann ist es mehr als nur Gedankenspielerei, dann hängt das eigene ich da dran:
Kann ich diesem Gott noch trauen?
Hat er mich verlassen? Hat es einen Sinn, ihn um Hilfe zu bitten, wenn er diese Katastrophe  doch zugelassen hat? So eine Situation zieht einem schnell den Boden unter den Füßen weg, man befindet sich im freien Fall, wo soll man sich denn noch festhalten, wenn Gott nicht mehr verlässlich ist?

Erklärungsversuche: Unsere Theodizeemotive

Ich möchte einen Blick ins Jahr 1755 werfen. Am 1. November bebt in der portugiesischen Hauptstatt Lissabon die Erde. Historiker schätzen es auf die Stärke 9. Erste Feuer brechen aus, und wenige Minuten später walzt eine riesige Flutwelle die Stadt nieder, kaum ein Gebäude bleibt stehen, auch die Kirchen und der Königspalast werden zerstört. Die Opferzahlen liegen irgendwo zwischen 30.000 und 100.000 Toten.
Diese Katastrophe hat damals Theologen und Philosophen dazu gebracht, kritisch über die Frage nach dem Willen und der Gerechtigkeit Gottes nachzudenken. Über Jahrzehnte war diese Tragödie ein Thema, dass sie nicht losgelassen hat. Dieses Überlegen und Fragen hat viele Antworten geliefert, die bis heute immer wieder aufgegriffen werden. Es sind meist denkerische Entwürfe, die Gottes Allmacht und Gerechtigkeit mit dem Bösen und Leiden in der Welt zusammenbekommen wollen. Und wir verwenden sie oft, obwohl sie eigentlich nicht funktionieren.

Es wird schon für irgendetwas gut sein” – das ist einer dieser Gedanken. Manchmal erscheint er sogar einleuchtend, denn manches Unglück und manche Krise hat sich schon als Chance für etwas Neues erwiesen. Aber oft genug ist dieser Satz einfach hohl oder zynisch. Wollen wir einer trauernden Mutter sagen, der Tod ihres Kindes wäre für irgend etwas gut? – Was bitteschön kann so viel wert sein, dass man dafür ein Kind sterben lässt?
Nein, wir können das Übel nicht schönreden. Und wenn wir jetzt die Katastrophe in Japan heranziehen, um zu erklären, was wir draus lernen können, spüre ich auch den hilflosen Versuch, dem Schlimmen dort noch etwas Positives abzugewinnen.

Ein anderer Gedanke zur Rettung Gottes lautet: „Gott hat uns Menschen die Freiheit gegeben, Gutes und Böses zu tun. Darum ist unsere Welt so, wie sie ist.” Ja, dieser Satz stimmt. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird dieses menschliche Drama sichtbar: Sündenfall, Kain und Abel, Eifersucht und Mord.  Zum Menschsein gehört die Freiheit zu Beidem: Gottes guten Willen zu folgen oder sich gegen ihn zu entscheiden, oft mit tragischen Folgen.
Und doch erklärt dieser Satz nicht unsere Welt. Oft genug können wir unser Leid nicht mit der Freiheit zum Bösen und menschlicher Schuld erklären. Schon bei manchem Verkehrsunglück kommen wir an unsere Grenzen: Oft ist der menschliche Fehler so gering und das Ergebnis dennoch verheerend. Und ein Erdbeben, oder die tödlichen Krankheit eines Kindes – das können wir nicht mit menschlichem Versagen erklären. Da bleibt uns nichts, als das Unfassbare als unerklärbar und unbegründbar zu akzeptieren. Und auf Gott zu schauen und zu fragen: Gott, hast du etwas damit zu tun?

Vielleicht würde ich mir wünschen, dass er dann den Kopf schüttelt und in eine andere Richtung deutet. Auf einen Gegenspieler – den, der von Anfang an bis heute unsere Welt lieber auf den Kopf stellt, als sie in Ordnung sehen möchte. Der schon als Schlange im Paradies alles kaputt machen wollte. In unserer modernen Welt tun wir uns schwer, von Satan und Teufel zu reden; wohl auch weil diese mittelalterlichen Bilder uns naiv erscheinen. Aber doch haben viele das Gefühl, es gibt Situationen, wo man den Eindruck hat: Hier herrscht derart Hass und der Wille zum Bösen, dass man schon von einer Macht des Bösen reden möchte.
Wie diese Macht des Bösen auch immer beschaffen sein mag: Mit dem Verweis darauf ist meines Erachtens das Problem des Leidens nicht gelöst. Denn wenn ich Gott als Herrn der Welt verstehe, muss er doch auch die Macht haben, das Böse zu besiegen (ich erinnere an Jesu Sieg über den Tod an Ostern!). Also muss ich meinen Gott dennoch fragen: Weshalb setzt du deinen Willen zum Guten nicht gegen alle anderen Mächte durch, du bist doch der Stärkere?

Liebe Gemeinde,
soweit ein Blick auf unsere menschlichen Versuche, das Leid und die Vorstellung eines guten und allmächtigen Gottes zusammenzubekommen. Und das Ergebnis ist ernüchternd: Obwohl diese Ideen wichtige Aspekte beleuchten, erklären können sie das Leiden nicht.

Hiob hats erlebt

Da sind wir mit der alttestamentlichen Person des Hiob in guter Gesellschaft. Dieser vorbildliche gottesfürchtige Mann, so können wir im Buch Hiob nachlesen, hat Hof und Kinder verloren, wurde schwer krank und fragte nach dem Grund seines Elends. Freunde haben ihm das wunderbar logisch erklärt: Du hast bestimmt einiges falsch gemacht in deinem Leben, dafür hast du nun die Quittung: So muss es sein, denn Gottes Urteil ist gerecht. Nur Hiob war sich keiner Schuld bewusst – es musste einen anderen Grund geben. Ein weiterer Besucher versuchte Hiobs Blick auf den Sinn seines Leiden zu lenken, aber auch er scheiterte, denn wo soll der Sinn seiner Katastrophe sein.
Hiob fühlt sich als unschuldig von Gott gequälter Mensch und setzt Gott damit auf die Anklagebank.
Letztlich kommt in Hiobbuch Gott selbst zu Wort. Und was er sagt, ist für Hiob  und auch für mich als Leser ernüchternd. Denn Hiob wird von Gott, der aus einer Gewitterwolke heraus zu hören ist, zusammengestaucht.
Was willst du, kleiner Mensch Hiob, Gott herausfordern? Was weißt du schon über die Zusammenhänge der Welt. Du setzt dich selbst an die Stelle Gottes, willst es besser machen und hast doch weder Macht noch Ahnung. Hiob gibt auf – er erkennt, dass es keine Antwort geben kann und geben wird. Der Grund seines Schicksal bleibt Gottes Geheimnis.

Liebe Gollhöfer,
zu wissen, dass es keine Antwort gibt, muss uns als Antwort reichen. Und sie sagt als Nicht-Antwort auch schon ganz schön viel:
– Nämlich, dass unsere einfachen Antworten keine Antworten sein können.
– Und, dass es der Normalzustand ist, wenn wir keine Antworten finden, wir können als überlegen, ob wir das quälende nach-dem-Warum -fragen weiter fortsetzen, oder ob das Leid zu tragen nicht schon Qual genug ist.

Der Wert der Klage

Da ist noch was anderes:  Egal ob Hiob, König David, Paulus oder Jesus: Eine sehr praktische Leidensbewältigungsstrategie scheint sich durch viele biblische Leidensgeschichten durchzuziehen: Die Klage! Hiob klagt Gott sein Leid, klagt ihn sogar an, und es kommt von Gott eine Antwort, die ihm letztlich weiterhilft. Viele Psalmen drücken mit eindruckvollen Bildern aus, wie elend und verlassen man sich fühlt. Und häufig erreichen sie dann einen Punkt, an dem man spürt, dass hier jemand wieder neu Hoffnung schöpft.

Und selbst Jesus am Kreuz findet Worte, die sein Leiden knallhaft und offen auf den Punkt bringen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen”. Das sind Vorbilder. Die Bibel lehrt uns einen Umgang mit Leiden, den wir uns als disziplinierte Deutsche oft nicht zugestehen: Offen unsere Gefühle, unsere Verzweiflung und die empfundene Gottverlassenheit ausdrücken.  Wo wir oft genug unseren Mitmenschen unser Leid klagen, da ist unser himmlischer Vater erst recht unser Ansprechpartner. Ihm in den Ohren liegen mit meinem Schmerz, meiner Trauer, meiner Verzweiflung meinem Nicht-Verstehen dessen, was da passiert – das kann Ausdruck unseres Glaubens sein.

Gott zu sagen: „Wo bist du, hast du mich vergessen, wo ist deine Gerechtigkeit, was hast du mir angetan…” das ist biblisches Klagen. Das ist kein Frevel gegen Gott, sondern ich mache es so, wie meine biblischen Vorbilder.  Das ist kein Ausdruck von Unglaube, sondern von Glauben, von einer Beziehung zu Gott, die gerade aufs äußerste, bis zum Zerreißen gespannt ist. Aber es ist eine Beziehung.

Heilung oder Integrieren des Leids

Was aus sich daraus entwickelt ist offen. Manch einer erlebt eine Erneuerung, eine innere Heilung, dass er das Vergangene hinter sich lassen kann. Dass er den Tod eines geliebten Menschen und die Trauer als einen schmerzlichen Abschnitt abschießen kann und wieder ins Leben zurückkehrt. Das ist die Hoffnung, die wir haben können.
Aber es wird auch Leiden geben, Einschränkungen oder Traumata, mit denen wir leben müssen, die wir nicht hinter uns lassen können, sondern die wir als Teil unseres Leben tagtäglich mit uns herumschleppen müssen, die uns verfolgen Tag und Nacht.  Es ist eben nicht alles therapierbar! Paulus berichtet (2. Kor 12,9) von einem „Pfahl im Fleisch”, der ihn nicht loslässt. Wir wissen nicht, was ihn da gequält hat, aber es hat ihn nicht losgelassen! So sehr er Gott auch darum gebeten hat. Aber er hat es geschafft, dieses Leiden als beschwerlichen Teil seines Lebens zu akzeptieren, und zu lernen, dass auch mit so einer Last, sein Leben vor Gott wertvoll ist.

Liebe Gemeinde,
ist es Gottes Wille, wenn ein Kind stirbt, oder Tausende bei einem Erdbeben sterben?” das war die Frage auf diesem Zettel.
Ich habe gelernt:
Ich wünsche mir ein „nein”.  Aber ich sehe, dass es doch geschieht.
Und ich habe erkannt, dass Gott mir in dieser Frage  doch ein fernes Geheimnis bleibt.

Aber ich hoffe, dass wir als Christen im Falle eines Schicksalsschlags es nicht aufgeben, genau von diesem geheimnisvollen Gott Antwort auf unsere Klagen und Hilfe zum Weiterleben zu erwarten..

Amen

 (Foto oben: Thomas Max Müller/pixelio.de)

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