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Predigt: Das Sakramentshaus von Gollhofen: „Abendmahl hinter Gittern?” (Symbolpredigt) 21. April 2011, Gründonnerstag

Psakramentshausredigt zum Gründonnerstag mit Blick auf das Gollhöfer  Sakramentshäuschen aus dem Jahr 1517.

Liebe Gemeinde,
im Jahr 1517 wurde es in die damals noch recht neue und „leere” Kirche von Gollhofen eingebaut: Unser Sakramentshäuschen. Denn hier vorne stand im sonst leeren Raum nur ein kleiner Altar mit zwei Bilder-Flügeln.
Hans Has hat dieses Häuschen gestiftet – Die Inschrift an der Seite beinhaltet sein Wappen, nämlich einen Hasen, seinen Namen und eine nicht entzifferbare Formulierung. Möglicherweise war Hans Has damals Bürgermeister.

Die Geschichte des „Sakramentshäuschens”

Das Sakramentshäuschen ist ein kleines gotisches Schlösschen geworden. Etliche Meter hoch, mit vielen Ornamenten, Türmchen und Spitzen. Es war sicher aufwändig herzustellen und zu stabilisieren. Aber es sollte so sein – schließlich ging es nicht um irgendein Möbelstück im Gotteshaus. Das Sakramentshäuschen sollte die geweihten Hostien beherbergen. Den Leib Christi. Für diesen wertvollen Schatz wollte man auch eine würdige Wohnung bereitstellen. Schon in den Jahrzehnten vorher waren Sakramentshäuschen in ganz Deutschland in Mode gekommen.

30 Jahre nach der Errichtung unseres Sakramentshäuschens haben diese kleinen Gebäude wieder an Bedeutung verloren. Die Bischöfe hatten im Konzil von Trient vorgeschrieben, dass die Hostien in einem Aufsatz auf dem Altar unterzubringen seien. Von da an waren diese Sakramentshäuschen verwaist. Wie es in Gollhofen gehandhabt wurde, wissen wir nicht, denn kurz nach diesem Beschluss des Konzils wurde Gollhofen evangelisch, und damit wurde vieles wieder anders.
Dennoch: Es steht immer noch da – unser Schmuckstück.
Zum einen beeindruckt mich auch heute noch dieser Aufwand, mit dem man für die Hostien einen würdigen Platz geschaffen hat. Ich spüre etwas, von dem hohen Respekt, den man den Abendmahlsgaben entgegengebracht hat.
Auf der anderen Seite irritiert mich, dass der Ort für die Hostien derart vergittert und verriegelt ist. Ein Tresor, ein Hochsicherheitstrakt. – Zugegebenermaßen mit wundervollen Verzierungen, auch am Schloss selbst. Aber letztlich sind die Hostien hinter Schloss uns Riegel. War die Angst so groß, das die Hostien gestohlen würden, oder für seltsame Bräuche entwendet oder geschändet würden? Oder war es einfach ein Ausdruck von Wertschätzung: Wertvolles muss einfach ordentlich gesichert werden. Ich weiß es nicht.

Das Abendmahl hinter Schloss und Riegel?

Was ich aber weiß: Dass das Abendmahl eigentlich nicht hinter Gitter darf! Das Abendmahl – also nicht die Hostien oder der Wein – sondern das Feiern des Abendmahls darf nicht hinter Gittern und Absperrungen verschwinden.
Wenn ich in unserer Bibel nachlese, wie die Jünger Jesu, wie die ersten Christen Abendmahl gefeiert haben, dann wird deutlich: Man brach das Brot in den Häusern, daheim, wo man sich traf um miteinander Lieder zu singen, in den Heiligen Schriften zu lesen, wo man miteinander betete und fröhlich Gott lobte. Das Heilige Abendmahl war meist verbunden mit einem fröhlichen Abendessen. Man erlebte Gemeinschaft, ungezwungen. Ein Fest der Gegenwart Christi.

Das hat sich geändert. Aus manchen theologischen Gründen und traditionellen Entwicklungen heraus ist das Abendmahl aus dem täglichen Leben, aus den wöchentlichen Gottesdiensten heraus ausgewandert. Wir finden es abgetrennt vom „Normalen”, in besonderen Gottesdiensten, die meist auch noch eine besondere Stimmung haben, in denen man sich oft auch noch besonders anzieht.
Warum?
Zum Einen: Das Abendmahl hat eine besondere Stellung. Und aus dieser Wertschätzung heraus wurde es liturgisch immer aufwändiger gefeiert: Besondere Gebete und Lieder lagerten sich um dieses Brotbrechen herum an. Es ist ein eigenes sehr wuchtiges Element im Gottesdienst, das bekommen wir in einer Stunde am Vormittag kaum unter. So wird es nur sehr selten gefeiert. Und Pfarrer, die in unserer Region das Abendmahl häufiger feiern wollten, haben ernüchternd feststellen müssen:  Wenn Abendmahl gefeiert wird, kommen weniger Leute in die Kirche, oder gehen dann eben nicht vor zum Altar, sondern bleiben sitzen.
Ein anderer Aspekt: Als Evangelische haben wir ein großes Augenmerk auf Jesu Leiden uns Sterben. Sein Tod befreit uns von unserer Schuld. Das ist uns eine ganz wichtige Erkenntnis. Das hat aber auch eine Folge fürs Abendmahl. Wir verbinden gedanklich das Abendmahl stark mit Jesu Tod am Kreuz. Mein Leib, mein Blut – diese Einsetzungsworte lassen uns zuallererst an Jesu Sterben denken. Und mit dieser gedanklichen Verbindung  ist das Abendmahl eine sehr ernste wenn nicht gar traurige Angelegenheit. Und wir übersehen, dass das Abendmahl auch Vergegenwärtigung des auferstandenen Christus ist.

Und wahrscheinlich gehören auch viele kleine Faktoren der Frömmigkeitsgeschichte dazu, die mit hineinspielen in unser jeweils individuelles Verständnis von Abendmahl. Aber unterm Strich bleibt das Abendmahl bei uns etwas sehr hervorgehobenes, außergewöhnliches, und seltenes. Auch wenn das Sakramentshäuschen nicht mehr in Gebrauch ist – irgendwie passt es dazu. Zu unserem westmittelfränkischen Abendmahl.  Ein Abendmahl irgendwie schon hinter Gittern.

Abendmahl hinter Gittern – der Pfarrerblock in Auschwitz

Bei dieser Formulierung ist mir eine Szene aus einem Kinofilm eingefallen. „Der neunte Tag” heißt er. Ein Teil dieses Films spielt im Konzentrationslager von Dachau. Im dortigen Pfarrerblock hatten die Nationalsozialisten alle ihnen missliebigen Pfarrer zusammengepfercht. In einer Szene dieses Film feiern sie Abendmahl. Jeder hatte sich von der täglichen Brotration ein Stückchen aufgehoben. In einer verbeulten Blechtasse war der Wein. Dreckige, ausgezehrte Männer standen im Mittelgang der Baracke, feierten Abendmahl, mit leise gesungenen Liedern, immer in der Angst, dass SS-Leute hereinstürmen könnten. Grauenvolle Umstände, weitab von allem, was irgendwie würdevoll erscheint – und doch war das für diese Männer ein Schatz – ein Quelle der Kraft in diesem KZ; an einem Ort, an dem sonst von Gottes Nähe und Liebe nichts, aber auch gar nichts spürbar war.

Der Rahmen wird belanglos. Das, was in diesem Abendmahl, in den Beteiligten, geschah, das war das Maßgebliche.

Wenn der Rahmen nicht das Eigentliche ist

Warum ich das erzähle? Weil ich aus dieser Szene ein Doppeltes gelernt habe. Nämlich dass der Rahmen in zweifacher Hinsicht nicht das Eigentliche ist. Das eine: Das Abendmahl unseres Herrn Jesus Christus hat es nicht nötig, dass wir es durch irgendwelche Faktoren aufwerten:

– Es wird nicht wertvoller, wenn wir es nur zwei mal im Jahr feiern.
– Es ist nicht würdiger, weil wir im schwarzen Anzug kommen.
– Es ist nicht „besser” wenn ich dabei nur an Jesu Leiden und Sterben denke, und die Auferstehungsfreude ausblende.

Aber umgekehrt dürfen wir das Abendmahl nicht abhängig machen von dem theologischen Geschmack. Auch nicht dem der jeweiligen Pfarrer. Wenn der Rahmen nicht das Eigentliche ist, dann gilt auch:

– Wenn ich es zwei mal im Jahr begehe, und diese Termine zu wichtigen Koordinaten im Laufe des Jahres geworden sind – dann ist das eine gute Entscheidung, die keiner kritisieren sollte.
– Was spricht dagegen, dass ich meiner Wertschätzung des Abendmahls auch durch eine besondere Kleidung Ausdruck verleihe?
– Weil ich weiß, dass wir das Leiden Jesu oft genug ausblenden, darum will ich auch bewusst im Abendmahl die Nähe zum Gekreuzigten Jesus suchen.

Aus der Breite des Abendmahls schöpfen

Liebe Gemeinde,

so oder so: Beides passt. Das ist keine moderne Beliebigkeit, sondern das ist die Breite von Bedeutungen, die das Abendmahl in sich birgt.
Wenn wir heute hier vorn zusammenkommen, um das Abendmahl zu feiern, dann tun wir es so, wie Jesus es seinen Jüngern beim letzten gemeinsamen Mahl geboten hat.
„Solches tut zu meinem Gedächtnis” – Er ist mitten unter uns in Brot und Wein, dieser Jesus, der uns eben in vielfältiger Weise begegnet. So vielfältig können wir das Abendmahl auch für uns – jeder für sich empfinden.

– Erleben sie es als ihre persönliche Begegnung mit Jesus Christus, der sagte: Ich bin mitten unter euch; unabhängig von Raum und Zeit bin ich in diesem Moment dir ganz nahe.

– Machen sie sich bewusst, dass sie in einem Kreis von Mitchristen stehen. Menschen, mit denen sie persönlich mehr oder weniger verbunden sind. Aber jenseits von empfundener Nähe und Distanz sind wir alle, die wir hier stehen, Schwestern und Brüder. Essen vom gleichen Brot, trinken aus dem gleichen Kelch.

– Begehen sie dieses Abendmahl am Ende der Passionszeit als Erinnerung an Jesu Leiden und Sterben, lassen sie sich hineinnehmen in das beklemmende Gefühl der Jünger damals, die auch spürten, dass Jesus etwas unglaubliches vor sich hatte, dass er für sie stellvertretend den Tod auf sich nahm.

– Feiern sie Abendmahl als Fest des Siegs Christi über den Tod. So wie die Jünger und Jesus  an diesem Abend das Passah aßen, um sich an die siegreiche Befreiung aus Ägypten zu erinnern. Denken wir dankbar zurück, dass Jesus uns aus der Gefangenschaft des Todes befreit hat.

Das alles ist in diesem Mahl vereint. Machen sie sich bewusst, welche Aspekte ihnen heute nahe stehen, und feiern sie mit uns das Mahl des Herrn. Denn er lädt uns ein und schließt keinen von uns aus.

Amen

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