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Predigt: Der Pfarrer geht – Ein Turnschuh, eine Cachedose und ein Kreuz (Symbolpredigt) 24. Juli 2011

   abschied0Predigt zu meiner offiziellen Verabschiedung aus Gollhofen:
“Ein Turnschuh, eine Cachedose und ein Kreuz.”

 

Der Turnschuh

Als erstes ist Ihnen auf der Einladung, sicherlich  der Schuh aufgefallen. Mein aktueller Lauschuh „Mizuno Wave Inspire 4″ grade mal 470 Kilometer auf der Uhr. Dieser Laufschuh steht für Bewegung, für „nicht auf der Stelle stehen”.
Das ist und bleibt für Kirche immer eine Herausforderung.
Wer fast 2000 Jahre als Gemeinschaft existiert,
wer seit 250 Jahren die gleiche Möblierung in der Kirche hat
wer seit 530 Wochen den gleichen Pfarrer auf der Kanzel sieht …
… der steht in der Gefahr alles was ist, den Status quo, für das Richtige und einzig Wahre zu halten und jede Form der Veränderung und Bewegung als Bedrohung anzusehen.

Aber als christliche Gemeinde sind wir eigentlich naturgemäß auf dem Weg.
Die größten Glaubenserlebnisse hatte das Volk Israel auf der Wanderung durch die Wüste; Jesus ist predigend durch das Land gezogen und hat seinen Jüngern gesagt „Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann”. (Lk 9,58)
Und Luther hat das Wort von der „ecclesia semper reformanda” geprägt, der Kirche, die sich fortlaufend  reformieren, sich innerlich bewegen muss.
Nach 10 Jahren möchte ich nicht verschweigen: Gollhofen ist entgegen landläufiger Meinung eine Gemeinde, offen ist für Veränderung und an vielen Ecken selbst voller Bewegung ist. Nicht jede Gemeinde trägt so offen Veränderungsprozesse mit: Die Umstellung der Konfirmandenarbeit auf Konfitage, ein neuer Altarteppich, Erweiterung des Kindergartens, Ausbau der Pfarrscheune zu einem eigenen Veranstaltungsort. Bei allen solchen Projekten war damit zu rechnen, dass Bedenkenträger das Wort ergreifen: „Wieso sollen wir das mit viel Aufwand und Geld verändern? Es hat doch bisher auch gut funktioniert! Und wer sagt denn, dass dass dann wirklich klappt und was bringt?” Mit solchen Fragen werden andernorts gute Entwicklungen blockiert oder zu Tode diskutiert. Ich bin dankbar, dass ich hier in einer Gemeinde leben durfte, die keine Scheu vorm sich bewegen hat, die selbst spürt, dass es ihr gut tut, wenn sie sich selbst immer wieder neu entdeckt.

abschied1Liebe Gollhöfer, so etwas macht ja auch etwas mit dem Pfarrer. Wenn du spürst: Die ziehen mit, die nehmen Anstöße auf, das motiviert und so schließt sich ein guter Kreislauf des Miteinanders und Füreinanders.
Einige Gollhöfer waren es, die nach einigen ernsten Worten meiner Hausärztin, mich zum Laufsport brachten, der Pfarrer als Langstreckenläufer. Das klingt spektakulär, aber auch ich habe mich verändern müssen, habe gemerkt: Ich kann nicht nur arbeiten (obwohl das hier eine Riesenfreude macht). Sondern du musst mal anders sein, brauchst einen Ausgleich, seelisch und körperlich, – und wenn er darin besteht 10 Kilometer einsam über die Felder zu rennen.
Sie als Gemeinde haben diese Veränderung mitgetragen, akzeptiert dass ihr Pfarrer eben irgendwann etwas anderes macht. Dafür bin ich ihnen allen  dankbar.

Liebe Pfarrers-Kollegen , wir kennen ja das Phänomen: Keiner sieht, wenn du bis nachts um 2 Uhr an einer Beerdigungsansprache sitzt und früh um 6 Uhr wieder aufstehst, weil um 8 Uhr der Unterricht beginnt. Aber wenn du dann nach dem Unterricht um 13:30 Uhr beim Aldi schnell was einkaufst, dann sehen sie dich: Ach Herr Pfarrer, haḿs heut wieder an weng frei?
Von daher ein Wunsch, liebe Gäste von auswärts: Lassens ihrem Pfarrer, wenn er seine Arbeit geschafft hat, auch ein bisschen einen Freiraum, er und die Qualität seiner Arbeit wirds ihnen danken.

Der Schuh der Bewegung trägt mich, meine Frau und unsere Kinder weiter in zwei andere Gemeinden. So eine Veränderung war dran, nach 10 Jahren. Vor allem für mich als Pfarrer. Da hast du zwei an sich sehr reizvolle Arbeitsfelder: Schule und Gemeinde. Nur die Verzahnung ist nicht immer einfach. Weil man dich jedem Arbeitsfeld als ganze Kraft versteht, wenns um Vertretungen, Sitzungen und Sonderaufgaben geht. Mit der Kraft des jungen Pfarrers geht das, mit schwindender Kondition fängt man das mit Routine auf. Langfristig erlahmt dann der Drang zur Bewegung und Veränderung. Ich habs in mir gespürt, Sie als Gemeinde noch nicht so direkt.
Aber so weit muss es ja auch nicht kommen, vor allem wenn am Horizont eine sinnvolle neue Stelle auftaucht – eine Möglichkeit, sich zu bewegen.

Geocaching-Dose

abschied2Im Schuh ist etwas sehr persönliches versteckt: Eine Dose, Hauptdarstellerin unseres Familienhobbys seit zweieinhalb Jahren. Geocaching. Eigentlich ist es einfach erklärt: Jemand versteckt eine Dose, sozusagen als Schatzkiste an einem schönen, reizvollen oder spannenden Ort. Darin liegen ein paar kleine Geschenkchen und ein Logbuch. Er tarnt die Dose so dass man sie nicht so einfach entdecken kann. Unter einer Baumwurzel, in einer Felsspalte in einem ausgehöhlten Sandstein. Schließlich ermittelt er die Koordinaten dieses Geocaches mit einem Navigationsgerät uns veröffentlicht diese im Internet, wo solche Geocache-Daten gesammelt werden.
Andere Schatzsucher, Geocacher nennen wir die, erhalten diese Koordinaten aus dem Internet, geben diese in ihr eigenes Navigationsgerät ein und versuchen diese Dose zu finden. Wenn man es geschafft hat, trägt man sich in Logbuch ein, schreibt, wie man das Versteck findet und was man ggf. auf der Suche erlebt hat. Von den Geschenken in der Dose darf man sich bedienen – muss aber immer auch etwas anderes hineinlegen. So dass immer ein paar interessante Überraschungen in der Dose liegen. An Ende versteckt man das Döschen wieder sorgfältig und informiert daheim den ursprünglichen Besitzer des Döschens über den Fund. – Ein denkbar einfaches Hobby, das einige zehntausend Menschen in Deutschland und weltweit  betreiben.
Manchmal ist es ganz einfach diese Dosen zu bergen, im Gebirge auf dem Nebelhorn ist es landschaftlich reizvoll, nachts unterirdisch in der Kanalisation von Freiburg ist es nervenaufreibend, auf einer ostfriesischen Insel irgendwie cool.
Menschen mit Erzählungen vom eigenen Hobby zu langweilen, gehört sich nicht, da ist die Kanzel keine Ausnahme. Aber diese Dose ist heute dabei, weil mich das Miteinander der Menschen, die das Hobby ausüben, fasziniert. Und irgendwie fühle ich mich versetzt in die Zeiten, als es nur eine Handvoll Christen in Jerusalem und Galiläa gab, die Urgemeinde.

Geocacher erkennen sich oft auf Anhieb. Sie haben ihr handliches Navigationsgerät um den Hals hängen oder es baumelt mit einem Karabiner an der Hose. Das ist das geheime Symbol, so wie der Fisch der Christen in Rom. Wenn wir uns beim Dosensuchen zufällig treffen, kommen wir schnell ins Gespräch, das „Du” ist selbstverständlich, man gibt sich Tipps zu tollen Verstecken und weiß: Uns verbindet etwas, uns fasziniert etwas, wovon die meisten anderen Menschen nicht den Hauch einer Ahnung haben. Und wenn wir Außenstehenden erklären, was wir tun, schütteln viele verständnislos den Kopf. Geocacher haben keinen eigenen Verein, keinen Vorstand, keine Formalien, niemand gängelt mit Vorschriften und Auflagen – niemand nimmt dir das Denken ab. Seit 11 Jahren gibt es dieses Hobby … darum gibt es auch niemanden, der sagt: „Das war schon immer so”.

Das ganze Geocaching steht und fällt mit dem Engagement der Leute, die das Spiel spielen: Nur wenn jeder sich die Arbeit macht, eine Dose zu kaufen, mit Geschenken zu füllen, ein Logbuch zu opfern und diesen Cache an einer schönen Stelle zu verstecken, nur dann funktioniert dieses Spiel.
Die Gemeinschaft hält dieses Spiel am Leben. Jeder hat etwas beizutragen, kann seine eigene Stärken einbringen. Ein Mutiger hat eine Dose am oberen Ende einer 6 Meter hohen Steinmauer platziert, eine Andere hat ein wundervolles Logbuch mit Filzüberzug und Hasengesicht gebastelt. Wir freuen uns über so viel Phantasie und lassen es den Verstecker auch wissen: Und so steht im Logbuch “Danke lieber PK777 für deine tolle Idee, als wir nachts im Wald zu deiner Dose durch den Schnee stapften, entdeckten wir diese vertrocknete Fichte, die du mit hundert kleinen Reflektoren beklebt hast. Im Schein unserer Taschenlampen glitzerte dieser Weihnachtsbaum unbeschreiblich schön. Danke dafür.”

Eine Gemeinschaft Gleichgesinnter aus allen möglichen Schichten und Berufen, keiner ist mehr wert. Wenn jemand neu hinzukommt, ist er herzlich  willkommen. Keiner sagt, was willst denn du jetzt hier, sondern man hilft ihm gerne bei seinen ersten Schritten in dieser neuen Welt. Alle wissen: Du brauchst dir nichts darauf einbilden, wenn du schon zweitausend Geocaches gefunden hast. Aber wenn du dir viel Mühe gegeben hast, und einen phantasievollen Cache für uns alle gelegt hast, dann bist du zu recht stolz und man wird dir immer wieder respektvoll „danke” sagen. Man wird es dich immer wieder spüren lassen, das du für uns wichtig bist.

Liebe Gemeinde, vielleicht verstehen ein bisschen, was ich meine. Wir wollen nicht zurück zu einer Minderheitenkirche, können die Institutionalisierung von Kirche nicht rückgängig machen.
Aber manche innere Kultur, die unser Glaube uns eigentlich verleiht, kommt häufig ins Hintertreffen. Wir klagen über Egoismus, Vereinzelung, schwindendes Engagement oder  Kommuikationsarmut. Und schnell sind wir mit der Diagnose: „Das ist der Zeitgeist, da kann man nichts machen.” Vielleicht geht da doch was! Bei den Geocachern gibts da vieles zu entdecken, wonach ich mich sehne, und was unser Miteinander als Christen eigentlich prägen sollte.

Das Kreuz

abschied3Ich komme zum letzten, zentralen Punkt: Dieses kleine goldene Kreuz, das in den Schnürsenkeln verknotet ist.
Dieses Kreuz haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden von 2010 für ihren Vorstellungsgottesdienst gebastelt. Eine Gruppe die mir sehr ans Herz gewachsen ist, schon bevor wir gemeinsam mit unserer Praktikantin das Nachkonfi-Wochenende erlebt haben. Diese Mannschaft von 6 Mädchen und 6 Jungs steht ein Stück weit exemplarisch für das, was es mir in Gollhofen schwer und zugleich auch leicht macht zu gehen:

Da sind junge Leute mit großem Engagement, begeisterungsfähig und mit dem Blick für das, was wichtig ist. Schade, dass wir nicht weiter miteinander hier in Gollhofen arbeiten können, das tut mir richtig leid. Wäre bestimmt toll gewesen. So trenne ich mich schweren Herzens von den vielen jungen, mittelalten und älteren Menschen, mit denen ich gerne zusammengearbeitet habe, oder die ich einfach so liebgewonnen habe. – Das macht einen Abschied echt schwer!

Aber genau ihr seid diejenigen, die mir das Herz auch etwas leichter machen. Weil hier so viele Leute sind, die bereit sind, sich zu engagieren, Freude an unserer Kirche haben, auch Opfer für diese Gemeinschaft bringen. Darum ist mir um Gollhofen nicht bange. Wenn Pfarrer Blum nun die Geschäfte übernimmt, hat er Menschen, auf die er bauen kann, mit denen etwas vorwärts gehen wird.

Und vergessen wir nicht: Es ist ein Kreuz, das da im Schuh steckt. Jesus Christus als der, der uns begleitet, an dem letztlich alles hängt. Alles , was in den vergangenen 10 Jahren gewachsen ist, was sich bewegt hat, was Menschen angerührt hat, das verdanken wir unserem Herrn Jesus Christus. Dafür kann man ihn gar nicht genug loben und preisen.

Auf seine Begleitung sind wir auch in Zukunft angewiesen:
Der Pfarrer, der ohne Gottes Geist nichts, aber auch gar nicht bewegen könnte.
Und die Gemeinde, die auf ihren bisherigen Pfarrer als Begleiter verzichten muss, aber die nach wie vor die Zusage der Fürsorge Gottes hat.

So bewegen wir uns beide: Die Gemeinde und die Pfarrfamilie, und hoffentlich spüren beide, dass wir unseren Weg an Gottes Hand gehen.

Amen

Notabene: Zu dieser durchaus Geocache-lastigen Predigt gehörte natürlich auch eine echter, offizieller Geocache:
“Und wenn ich gehe, geh du mit” (OCCD71)
Koordinaten:  N 49° 34.076′ E 010° 11.328′ (WGS84).
Er ist inzwischen archiviert und nicht mehr findbar.

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