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Predigt: Enttäuschte Liebe (Jesaja 5, 1-7) 4. März 2012

Iweinbergliedm Weinberglied des Jesaja finden Enttäuschung und Traurigkeit ihren Ausdruck. Aber es geht darin auch um die Treue Gottes zu seinem Volk.

Predigttext: Jes 5, 1-7  wird im  Laufe der Ansprache stückweise zitiert

Liebe Gemeinde,
wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte;

Ein Lied stimmt Jesaja an. War es in der Runde von Freunden oder doch eher auf dem Marktplatz, vor großem Publikum? Ein Liebeslied, da waren sich seine Zuhörer sicher – denn wenn man von einem Mann singt, der sich um seinen Weinberg bemüht, und gräbt und buddelt, und hegt und pflegt, und gießt und düngt, und Geld investiert, so dass sein Herz dran hängt … da kann es doch nur um eine Frau gehen, die er da nach allen Regeln der Kunst umwirbt. Es war ja auch nicht das erste Lied, in dem man damals die Frau des Herzens mit einem Weinberg verglich.

Und mit meinen Gedanken und Gefühlen folge ich diesem Lied des Jesaja. Wie das ist, wenn du alles für deine Liebste tust. Vieles Andere wird zur Nebensache, das alte Hobby wird vernachlässigt, selbst als Geizkragen werde ich auch mal spendabel, wenn wir miteinander ausgehen oder ein schönes Kleid ihr besonders gut gefällt. Langsam wächst Beziehung, Vertrauen, Vertraulichkeit. Es ist ein ganz besonderer Zauber, wenn die zarten Bande angeknüpft und immer fester geknotet werden. Man öffnet sich immer mehr, ist bereit, viel von sich selbst Preis zu geben.
Verträumt sitzen jung und alt da, hören die ersten Zeilen dieses Liedes, das Jesaja da anstimmt. Das muss man ja genießen, denn normalerweise ist der Prophet ja nicht so romantisch gestimmt.
Und Jesaja singt weiter:
Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte .  Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!  Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Aus die Maus! Die Romanze zu Ende, die Liebe ist gescheitert. Und das tut unglaublich weh! Was nicht alles für diese Frau getan habe! Ich habe mich für sie aufgegeben, meine Kumpels vernachlässigt, mit dem Rauchen aufgehört, ihr nie einen Wunsch ausgeschlagen. Blumen, Zärtlichkeiten … und jetzt lässt sie mich einfach stehen. Wie den letzten Trottel. Und ich stehe da mit meinen Gefühlen, meiner Enttäuschung, meiner Verletztheit, meinem Gekränktsein – und mit meiner Wut.
Ja, wütend bin ich auch! Und in meiner Wut würde ich am liebsten alles rückgängig machen, was ich für sie getan habe. Zurückholen, was ich ihr geschenkt habe, zertrampeln, was ich für sie gebaut habe … mir steht der Sinn nach einem Rachefeldzug. Schneller als ich es je gedacht hätte, droht meine Liebe in blanken Hass umzuschlagen.

Die Männer, die Jesaja zuhören nicken zum Teil zustimmend. Sie kennen diese Erfahrung, haben Mitleid mit diesem Freund, der Opfer einer treulosen Frau wurde. Wären sofort dabei, wenn es drum ginge, Rachepläne zu schmieden.
Aber einige der Älteren schütteln resigniert den Kopf. Sie verstehen die Wut und Enttäuschung des Sängers; aber sie kennen das Leben. Sie wissen: Liebe lässt sich nicht erzwingen. Sie ist ein Geschenk, man kann sie nicht festhalten. Und wenn die Liebe geht, dann ist es eben vorbei. Und wenn dieser Freund wie ein beleidigtes Kind heult und droht, alles kaputt zu machen, was die beiden verbunden hat, dann wird er damit auch nichts besser machen; sondern vielmehr alles noch schlimmer. Und diese alten Männer haben schon zu oft erlebt, wie solch ein angeblich gerechtes Zurückschlagen beide ins Unglück gestürzt hat.

Und die Blicke wandern wieder zu Jesaja – gibts vielleicht noch einen Vers dieses Lieds?
Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, (wartete) auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Betreten werfen die Zuhörer die Stirn in Falten. Denn plötzlich sehen sie sich selbst in der Rolle der treulosen Freundin. Wir als diejenigen, die von Gott geliebt, umworben, gehegt und gepflegt werden? Wir als diejenigen, an die Gott sein ganzes Herz gehängt hat, für die er bereit war, selbst Opfer zu bringen und etwas von seiner Allmacht aufzugeben?
Haben wir ihn tatsächlich so enttäuscht? Hätte er tatsächlich mehr von uns erwarten können; an Treue, an Befolgen seiner Gebote, an Gottesliebe?

Und beim Blick auf die Gesellschaft um sie herum wird ihnen bewusst: Ja, da ist vieles nicht so, wie sich das unser Gott vorstellt. Er hat wohl recht, wenn er uns als treulosen Weinberg ansieht. Er hätte wohl das Recht, mehr von uns zu erwarten.
Wir hätten mehr aus unserem Leben machen können.
Wir hätten unser Leben besser führen können. Gerechter, sinnvoller.
Auch wenn wir nicht so recht wissen, wie wir das hinbekommen könnten.

[PAUSE]

Liebe Gemeinde,
wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg , was so romantisch als Liebeslied begann, endet tragisch, und hat ein seltsam offenes Ende:
Da ist die Drohung des Verliebten, der aus lauter Enttäuschung und Verbitterung bereit wäre, diesen Weinberg, seine einst Geliebte zu verwüsten und dem Untergang zu weihen. Eine furchterregende Vorstellung.
Und wenn man sich umsieht: Das gibts ja wirklich:. Endlose Rosenkriege, bei denen es nur darum geht, dem Ex-Partner möglichst viel an Schmerz, Verlust und Schaden zuzufügen. Verlassene Ehemänner, die zur Waffe greifen und ihre ganze Familie auslöschen. Und vor zwei Wochen konnte man im Nachrichtenmagazin Focus auf der Titelseite lesen: Die 10 fiesesten Scheidungstricks.

Was können wir froh sein, dass unser Gott sich entschieden hat, anders mit unserer Treulosigkeit umzugehen. Die Drohung des Lieds, den Weinberg, das Volk Israel, uns als Menschheit, ohne Schutz dem Untergang preiszugeben, bis wir nur noch eine von Disteln überwucherte Ödnis sind, hat er nicht wahrgemacht.
Dazu ist seine Liebe zu uns offenbar zu groß. Darum hat er uns  durch Jesus Christus eine neue Chance gegeben, uns mit ihm zu versöhnen. Jesus ist derjenige, der die Verletzung auf sich genommen hat, die wir durch unser mangelndes Entgegenkommen bei Gott auslösen.

Gottes Treue ist eben größer als unsere Untreue.

Ist damit jetzt alles in Ordnung?
Eigentlich ja …. und irgendwie auch nicht!

Bleiben wir im Bild des Liedes: Gott als der, der uns Menschen mit immer neuen Aspekten seiner Liebe beschenkt – aber oft erlebt, wie ihm diese geliebten Menschen die kalte Schulter zeigen, oder aus Gedankenlosigkeit ihn ignorieren. Gott zu vergessen, ihn aus meinen Horizont des Alltags verlieren, das ist menschlich. Es leuchtet ja nicht in jeder Ecke ein Lämpchen, dass uns an ihn erinnert. – Wobei es da wieder gar nicht so schlecht ist, wenn wir in einigen Räumen daheim ein Kreuz hängen haben.

Aber weil mir Gott nicht egal ist, wäre es ja ein guter Vorsatz in der Fastenzeit öfter als sonst bei bestimmten Dingen die ich tue, ich mir die Frage zu stellen:
Ist das etwas, womit ich Gottes Liebe zu mir kränke?

Das ist eine andere Frage als:
Ist das erlaubt?
Kommt jemand dadurch zu Schaden?
Gibts da ein Gesetz?

Einfach überlegen: Passt das zusammen mit der Liebe, die Gott mir gegenüber empfindet? Gott zuliebe mit einer neuen Achtsamkeit durchs Leben gehen. Für die Passionszeit wäre das doch einmal eine neue Perspektive.

Amen

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