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Predigt: Den Anderen höher schätzen als sich selbst (Phil 2, 1-4) 22. Juli 2012

respektDen Anderen höher schätzen als sich selbst ist eine Herausforderung, an der man länger zu kauen hat

Predigttext:
[1] Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist  Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, [2] so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. [3] Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, [4] und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.   Philipper 2, 1-4:

Liebe Gemeinde,
die Gemeinde in Philippi war für den Apostel Paulus so etwas wie seine Lieblingsgemeinde. Denn bei denen lief alles wie am Schnürchen.
In anderen Gegenden wurde er ins Gefängnis geworfen.
Oder er wurde nur geholt, wenn es um Auseinandersetzungen ging.  Z.B in Korinth, wo sich beim Abendmahl die Reichen erst einmal satt aßen und die Armen die kümmerlichen Reste bekommen haben. Die Gemeinde in Philippi hingegen, war auch noch lange nach Paulus Tod bekannt für ihre Einmütigkeit. Da passte irgendwie alles.

Und doch schnappt er sich noch einmal den Stift und macht das, was in Philippi so gut läuft zum Thema einer warnenden Erinnerung:
Achtet auf die Einheit.
Schau nicht auf dich und das Ansehen, das du durch seine Arbeit bekommst.
Schau auf den Anderen und schätze ihn höher ein als dich selbst.

Offenbar ist das auch in der Idealgemeinde Philippi keine Selbstverständlichkeit.  Der Knatsch, der Streit, die Eifersüchteleien, die gegenseitige Abwertung lauert an allen Ecken und Enden. Und darum ist das ein steter Kampf gegen den inneren „Ego-Schweinehund”
Da gibts die, die sehr regelmäßig in den Gottesdienst kommen. Die müssen damit leben, dass solche, die fast nie da sind, behaupten die anderen würden ja nur so oft in die Kirche gehen, damit sie ihre Sonntagsklamotten ausführen können und von den anderen gesehen werden . Umgekehrt, muss einer von den Selten-gehern darauf gefasst sein, dass er – falls er denn mal außerhalb von Weihnachten herkommt – begrüßt wird mit: „Ach, du hast aa mal den Weg in die Kirch ǵfunden?!”

Wir merken: Da schaut keiner besonders ehrfurchtsvoll zum anderen auf.

Nicht anders kann es gehen, wenn bei Festen die immer engagierten Ehrenamtlichen auf die treffen, die bloß einmal im Jahr bei der Kirche im Grünen oder beim Kindergartenfest mitanpacken.
Jeder erhofft, dass der andere die eigene Leistung würdigt.
Der eine sagt. Hey, freu dich doch, dass ich heute auch mal ne Stunde mit aufräume!
Der andere denkt: „Ist dir eigentlich klar, dass ich mich jede Woche mindestens  zwei Stunden für die Kirche engagiere?”
Auch hier sehen wir: Eigentlich gehören beide gelobt. Aber letztlich schaut einer den anderen leicht schräg an.

 

Das könnte man auch mit andern Feldern durchdeklinieren:
Die Frommen und die eher Liberalen.
Der Pfarrer, der mit akribischer Präzision sein wie geschmiert laufendes Pfarramt managt und der kreative, chaotische Pfarrer.

Das Miteinander ist mühsam – gerade weil man tendenziell der Meinung ist, der eigene Weg wäre der bessere.
Paulus aber gibt uns den Auftrag: „In Demut achte einer den andern höher als sich selbst” – die Gedanken, das Handeln des Anderen höher schätzen als das Eigene – das fällt uns nicht leicht.

Seit ein paar Monaten haben wir ja Richtung Neustadt auf der B8 das Vergnügen einer dreispurigen Straße. Und beim Chausseehaus die Herausforderung, dass die linke und die rechte Spur irgendwie wieder zusammenkommen müssen. Und die meisten von ihnen haben schon erlebt, dass das nicht so ganz einfach ist. Da ist einer auf der linken und einer auf der rechten Spur, und jeder meint, er ist im Recht. Der rechts gibt noch ein bisschen Gas: „Der auf der linken Spur schafft das doch eh nicht mehr, dann muss er halt langsamer machen und hinter mir einfädeln.” Und der links sagt sich. Der Depp sieht doch, dass ich da komme, na des geht schon noch …” – Und schon gibts demnächst eine neue Leitplanke!

Sich selber nicht nur im Recht sehen!
Die Bedürfnisse und Anliegen der anderen erkennen.
Lieber dem Anderen den Vortritt lassen und sich dabei sicher sein, dass man letztlich damit nichts verliert.

Darin liegt für Paulus der Schlüssel zu einer Einheit, zu einer geistlichen Einheit, auch in einer Kinderchengemeinde. Wir sind eine buntgefleckte Gemeinschaft. Mit allen möglichen Ansichten, Aspekten, mit unterschiedlichen Traditionen und Überzeugungen. Und wir werden die alle nicht harmonisieren können. Wir werden bunt bleiben.
Gottesdienst-Kerngemeinde und seltene Besucher.
Gemeinschaftler und Liberale.
Siedlung und altes Dorf.
Traditionsbewahrer und Modernisierer.

Zu Zeiten des Paulus hatte man in Kleinasien Sklaven und Sklavenhalter in einer Gemeinde. Damit musste man leben. Das war sicher eine enorme Herausforderung. In Korinth haben die Sklavenhalten der Vortritt für sich reklamiert … und ihnen ist das ganze  böse um die Ohren geflogen. Das hat die Gemeinde zerrissen. In Philippi hat man es offenbar besser hinbekommen.

Sich selbst zurückzunehmen – nicht auf das zu sehen, was man selber geleistet hat und bekommt.
Sondern zu schauen, was der andere braucht und ihm großen Respekt zu zollen:
Aufzuschauen zum anderen und sich freuen mit dem was ihm gelingt.
Und gerade wenn der Andere anders ist als ich – und auch nicht so ist oder so lebt, wie ich es besonders erstrebenswert finde: Es ist die Kunst, dennoch ihn höher zu achten als mich selbst – wie Paulus es schreibt.

Ja: Den anderen Knaller liebt Gott genauso wie mich. Und wahrscheinlich gibt es bei ihm etwas, was ich nicht sehen kann … aber wenn ich das erkennen würde, was ich in meiner Begrenztheit übersehe – dann würde ich mich wahrscheinlich dafür schämen, dass ich hochmütig zu ihm heruntergeblickt habe.

 

Liebe Gemeinde,
was Paulus uns da vorschlägt ist keine leichte Übung.
Ich bin da auch immer wieder überfordert – und bekomme das mit der Demut und dem Höherschätzen des Anderen nicht so gut hin. Aber wir haben ja genug Zeit zum Üben – um auf diesen Weg weiterzugehen und  etwas für die Einheit unserer Gemeinde zu tun:
Dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

Amen

 

Foto: Gisela Peter / Pixelio.de

 

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