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Predigt: St. Martin in Scheiben, 11. November 2012

stmartinPredigt zur Lebensgeschichte des St. Martin von Tour – Ein Leben, von dem man sich die eine oder andere Scheibe abschneiden kann

Liebe Gemeinde,

St. Martin, das ist doch der mir der Laterne, dem zerteilten Mantel und der Martinsgans. Das ist so unsere Grundausstattung an Informationen, wenn es um diesen bedeutenden Bischof der französischen Stadt Tours geht.

Wenn wir eine Reise in seine Welt unternehmen wollen, müssen wir weit zurück: Wahrscheinlich bis in die Zeit um 320 nach Christus zurück, und geografisch nicht nach Frankreich, sondern nach Italien in die Nähe von Mailand. Dort ist der junge Martin aufgewachsen, als Sohn eines hohen Offiziers der römischen Armee. Also finanziell und gesellschaftlich ganz gut gestellt, und wahrscheinlich auch mit einer soliden Schulbildung.
Wir sprechen von einer geschichtlich spannenden Phase, denn in diesen Jahren endete die Zeit der blutigen Christenverfolgungen. Mehr und mehr wurde das Christentum zur anerkannten Religion und bekam sogar politische Bedeutung.

Wie Martin mit dem christlichen Glauben in Berührung kam, kann man nur vermuten – vielleicht über einen befreundeten Soldaten – denn als Martin sich taufen ließ, also Christ wurde, war er bereits erwachsen und selbst wie sein Vater ein Soldat mit besten Karriereaussichten. Zu jener Zeit musste man sich mindestens 1 Jahr vor seiner Taufe zur Taufe anmelden und durchlief dann eine christliche Grundausbildung. – So ein bisschen erinnert das an den Präparanden- und Konfirmandenkurs. Und während dieser Zeit ereignete sich dieser Zwischenfall, der Martin weltberühmt machen sollte:
Am Tor der französischen Stadt Amiens, in der er stationiert war, hatte er einen frierenden halbnackten Bettler die Hälfte seines Soldaten -Mantels geschenkt. Alte Geschichtsschreiber erzählen davon, dass er sich in diesem Moment zu Gespött der Leute machte; sie amüsierten sich über diesen trotteligen Soldaten, der jetzt mit seiner Hälfte selber frieren musste. Noch dazu kam Ärger mit seinem Vorgesetzten: Denn Martin hatte mit dem Mantel Militäreigentum beschädigt und wurde dafür gemaßregelt. Manche Quellen schreiben sogar von einigen Tagen Arrest.
In der darauffolgenden Nacht ist diesem Martin im Schlaf dann Jesus Christus erschienen: Und der hatte den halbierten Mantel in der Hand. Jesus forderte ihn auf, das Mantelstück genau anzusehen, und sagte dann: „Martinus, obwohl er selbst nur Tauf-Bewerber war, hat mich mit diesem Mantel bekleidet.”

Und sofort fällt uns ein, was wir vorhin in der Evangelienlesung gehört haben:
Dass wir da, wo wir einem Armen, einem Kranken, einem Gefangenen etwas Gutes tun, letztlich Jesus etwas gutes Tun: Jesus als der, der uns in demjenigen begegnet, der unsere Hilfe braucht.

Wenig später ließ sich Martin taufen und war damit offiziell Christ. Und weil man inzwischen auch Christen in der Armee akzeptierte, war Martins Bekehrung zum Christentum dienstlich eigentlich kein echtes Problem. Aber für ihn als Christ war es schwierig: Denn „Soldat sein”, bedeutete im römischen Reich mehr als nur Wache schieben: Kriege gegen die Germanen führen, Strafexpeditionen, verbunden mit blutigem, grausamen Gemetzel, Plünderungen der Besiegten. So quittierte er den Dienst, und kehrte nach Italien zurück, um auch seine Eltern für den Glauben zu gewinnen. Seine Mutter ließ sich tatsächlich auch taufen, bei seinem Vater biss er auf Granit.

Martin entschied sich für ein Leben als Mönch und pflegte einen Lebensstil, in dem er sich wirklich nur das Allernotwendigste gönnte. Auf der anderen Seite engagierte er sich für die Armen und Bedürftigen. Sie zu versorgen, ihnen Hilfe zum Leben zu geben, darauf verwendete er seine ganze Kraft.
Sein Lebenwandel beeindruckte viele Menschen; andere waren eher verstört davon, wie ein einst strahlender Soldat sich selber so vernachlässigen kann. Und immer wieder kann man von wundersamen Ereignissen lesen, von Heilungen, die Martin durch Gebete bewirkt hat; oder von einem Räuber, der ihn überfallen und als Geisel verschleppt hat, der aber letztlich von Martin so beeindruckt war, dass er ihn wieder frei ließ.
Sein Weg führte ihn wieder nach Frankreich, also Gallien. Er lebte auch dort als Mönch und Priester, gründete einige Klöster. Da dauerte es nicht lange, bis man ihn zum 372 Bischof in Tours ernannte.

Damit kommen wir zur zweitbekanntesten Martins-Geschichte. Sie berichtet davon, dass Martin erfahren hatte, dass man ihn zum Bischof berufen wollte. Aber er wollte das gar nicht und versteckte sich in einem Gänsestall – aber die aufgescheuchten Viecher hätten Martins Aufenthaltsort dann doch verraten.
Aber diese Legende ist höchstwahrscheinlich sehr spät entstanden, um den Bezug zum Gänseessen herzustellen. Was aber doch mit den historischen Dokumenten zusammenpasst: Martin wollte nicht Bischof werden!
Und auch einige seiner Mitbrüder fanden es auch nicht passend, das so ein ungepflegter Kerl mit alten Kleidern und ungewaschenen Haaren Bischof werden solle. Dennoch wurde er es – aber ganz anders als sein Vorgänger. Es bezog keinen gepflegten Bischofssitz, sondern baute sich an der Außenmauer der Kathedrale eine kleine Mönchszelle, in der er lebte. Und als ihm der Trubel um seine Person zu groß war, zog er hinaus zwei Kilometer vor die Tore der Stadt und baute sich dort eine kleine Hütte.

25 Jahre lang war er Bischof von Tours. Ein sehr bescheiden lebender Mönch, aber zugleich ein profilierter Christ und Kirchenmann, der sich auch nicht davor scheute, in einigen Konfliktfällen dem römischen Kaiser gegenüber seine Sicht der Dinge geltend zu machen.
Er war offenbar eine beeindruckende Persönlichkeit, fromm und sozial. Und um seine Biographie herum lagern sich hunderte von Legenden, über deren historischen Wert man durchaus Zweifel hegen darf.
Am 8. November 397 ist Martin von Tours auf einer Reise  zu einer Gemeinde seines Bistums gestorben. Drei Tage später, am 11. November,  wurde er in Tours beigesetzt: Darum ist heute sein Gedenktag.

Liebe Gemeinde,
eigentlich habens wir Evangelische ja gar nicht so mit den Heiligen. Und doch ist uns dieser Sankt Martin gescheit ans Herz gewachsen. Mantel-teilen, das kann man prima mit den Kindern nachspielen – aber dann ist es auch schon erledigt.

Denn je länger man auf jemanden wie ihn schaut, umso eher kommt da ein ungenehmes Gefühl auf: Weil ich merke, wie da seine und unsere Welt auseinanderklafft. Wie so oft, wenn wir sehen, wie einzelne Personen ganz entschieden und mit allen Konsequenzen ihren Weg des Glaubens gehen.
Martin hat eine glänzende Karriere als Tribun im römischen Reich aufgegeben. Für die anderen da sein, sein eigenes Wohlergehen hintenanstellen. Sich kein bisschen Komfort gönnen, weil man sich bewusst ist: Alles was ich mir Gutes gönne, enthalte ich dem anderen vor, weil ich es ihm ja auch geben könnte. Solange ich weiß, dass ein anderer nicht genügend Brot hat, kann ich nicht guten Gewissens einen Kuchen essen.
Eigentlich hat er recht, dieser Martin. Aber wir spüren auch, dass  uns dieser Anspruch auf das eigene Leben oft überfordert. Da ist es nur verständlich, dass Leute, die so etwas hinbekommen, eine so enorme Ausstrahlung entwickelt haben auf tausende von Menschen … und das auch noch über Jahrhunderte hinweg. … „Heilige” eben.

Liebe Wilhelmsdorfer und Brunner,

gerade weil das Gesamt-Paket „St. Martin” uns überfordert, habe ich mir ein paar Scheiben überlegt, was ich mir von Sankt Martin abschneiden könnte:

Erste Scheibe: Lerne von Sankt Martin, dass das Leben als Christ immer auch Konsequenzen für dein Leben hat.

Wir als Evangelische haben gelernt, dass unser der Glaube rettet, nicht unsere guten Taten. Und so übersehen wir leicht, dass uns das Evangelium Jesu natürlich auffordert, immer wieder unser Leben, unser Reden, unser Handeln zu überdenken. Martin erinnert mich daran mal wieder darauf zu schauen, ob mein Leben, mein Lebensstil dem entspricht, was Jesus uns vorgelebt hat, was Gott von uns fordert. Oder ob ich mir inzwischen sehr gemütlich und sehr einfach gemacht habe. Weil ja „die Diakonie” und „der Staat” für die Bedürftigen zuständig sind – und in Sachen Lebensführung „die Anderen” sowieso viel schlimmer sind.

Zweite Scheibe: Keine Angst vor der Blamage!

Es wird erzählt, dass einige Leute sich über Martins Mantelteilung lustig gemacht haben. Die haben ihn ausgelacht. Und auch heute riskiert man als Christ, dass man belächelt wird, wenn man zu seinem Glauben steht. Martin erinnert mich: Wenn du weißt, dass du das richtige tust oder sagst, dann mach́s und habe keine Angst dich zu blamieren!

Dritte Scheibe: Lerne von Sankt Martin, von Gott zu erwarten, dass er dir weiterhilft.

Von Martin ist zu lesen, dass wer immer wieder mutige Entscheidungen getroffen hat. Und es gibt viele Überlieferungen von Wundern, die geschehen sein sollen. Auch wenn da viele Legenden dabei sein werden; er hat sich offenbar nicht gescheut, in verzweifelten Situationen Gott um Hilfe anzuflehen.
Vielleicht oft auch ohne Erfolg, aber so manches Mal, hat sich tatsächlich etwas getan, was man als Wunder Gottes deuten kann. Und diese Erzählungen berühren viele Menschen bis heute.
Diese Strategie hat etwas für sich: Habe keine Scheu, von Gott auch einmal scheinbar Unmögliches zu erbitten – wenn es für dein Leben wichtig ist. Das unsere Welt immer technik-gläubiger geworden ist, bedeutet ja nicht, dass Gott aufgehört hätte, in dieser Welt wirksam zu sein.

Vierte Scheibe: Vergiss Sankt Martin – was zählt, bist du

Was meine ich mit diesem Satz?
Die Verehrung von St. Martin hat ja schon zu seinen Lebzeiten begonnen. Und irgendwann lange nach seinem Tod tauchte der halbierte Mantel auf, allerlei Gegenstände, im Saarland gibts sogar einen Unterarmknochen, der von ihm stammen soll. Schon verrückt. Es waren interessanterweise die Hugenotten, die 1562 in Tours fast alle Reliquien, die es von Martin gab, verbrannt haben. Kulturgeschichtlich ein Verbrechen – aber vom Glauben her völlig konsequent: Eine Verehrung eines Heiligen hilft uns gar nichts, wenn wir nicht selbst uns davon inspirieren lassen.

Darum: Vergiss Sankt Martin – was zählt, bist du, und was du aus seinem Vorbild für dein Leben und deinen Glauben machst.

Amen

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