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Predigt: Spannungen rund ums Reich Gottes (Mt 9,35ff) 2. Juni 2013

Die Erzählung um die Aussendung der Jünger (Mt 9, 35ff) ist in mehrfacher Hinsicht voller Spannungen.

juengerspannungPredigttext: Mt 9, 35-38; 10, 1 5-7

Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

10,1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. 2 Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; 3 Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, 6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden,
nicht jede Bibelstelle ist spannend! Diese hier gehört jetzt nicht zu denen, die eine nervenzerfetzende Spannungskurve aufbauen, so dass man gar nicht erwarten kann, wie die Sache ausgeht. Nein – in dieser Hinsicht ist sie nicht spannend.
Aber sie ist in einer ganz anderen Hinsicht spannungsreich: Denn sie beinhaltet innere Spannungen, so dass man als logisch denkender Mensch mitunter hin-und-hergerissen ist: „Wie ist das gemeint: So oder so?”

Gleich am Anfang zu Beispiel: Da wird erzählt, dass Jesus die Menschen, die zu ihm gekommen sind, geheilt hat. Alles an Krankheiten und Gebrechen – und dann lese ich: „und als er das Volk sah, jammerte es ihn”. Warum das? Er hat sie doch geheilt! Was gibts da noch zu jammern? – Die innere Spannung heißt: Ist jetzt alles in Ordnung oder nicht?

Wenn ich weiterlese, wird es klar: „denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.” Obwohl sie keine Krankheiten mehr haben, gehts ihnen immer noch schlecht, weil ihnen Orientierung und Hoffnung fehlt. Und das scheint ein Leiden zu sein, das auch Jesus nicht so einfach aus der Welt schaffen kann. Blinde sehend machen, das gelingt ihm, dem Sohn Gottes im Handumdrehen. Aber Hoffnung und Orientierung in einen Menschenherz zu pflanzen – das ist offenbar eine ganz andere Herausforderung.
Das geht nicht so einfach, dass sich das Herz und das Gemüt eines Menschen wandelt, das ist ein Prozess, der Zeit braucht. Und es braucht Menschen, die diesen Prozess begleiten.

Genau darum wendet er sich nun seinen Jüngern zu: „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende”. Und da haben wir schon wieder die nächste Spannung: Was sollen jetzt die Jünger tun?
Ernten? Arbeiten? Oder dafür beten, dass andere die Arbeit tun? Und vor allem: Was gibt es hier zu ernten? War nicht gerade das Problem, dass die Menschen Orientierung brauchen?

Der Schlüssel liegt darin, dass Jesus das Reich Gottes angekündigt hat. Dass Gottes neue Welt in unsere Welt kommt. Oft unsichtbar, nicht spürbar, aber an bestimmten Stellen kommt sie dann doch zu Vorschein. Zum Beispiel dort, wo Jesus Menschen heilt und Wunder vollbringt. Da ist das Reich Gottes dann für einem Menschen offen sichtbar.
Das Reich Gottes liegt sozusagen unsichtbar vor der Türe, nur muss man diesen Schatz heben, aufsammeln, spürbar und sichtbar werden lassen.

Und genau dazu braucht Ernte-Helfer: Die andere darauf hinweisen, dass neben der Welt, wie wir sie vor Augen haben, noch eine andere Welt, Gottes Reich existiert. Leute, die andere ermutigen, in diesem Bewusstsein zu leben, dass Gott unter uns Menschen am Wirken ist. Die ihnen die Augen dafür öffnen, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind, sondern dass Gott mit uns ist. Das ist manchmal eine mühevolle Erntearbeit, wenn man unter all dem Problemen und Sorgen unserer Welt die Zeichen der Liebe und Gegenwart Gottes herausfischen will.

Zugegebenerweise ist man ja gelegentlich wie blind und sieht vor lauter Wald die Bäume nicht. Man verzweifelt an seinem Glauben, weil alles so düster und aussichtslos erscheint. Aber dann ist es vielleicht nur ein kleiner Stuppser eines Mitchristen, der einem wieder bewusst macht, wie man von der Liebe Gottes umgeben ist; was einem alles an Gutem geschenkt ist. Ja – Erntehelfer die bei dieser Suche helfen, werden an allen Orten dringend gebraucht.

Und da, wo Menschen wieder Vertrauen in Gottes Nähe fassen und spüren, dass Gottes Reich nahe bei uns ist, da kann dann Mut, Hoffnung und Orientierung wachsen.

Liebe Gemeinde,
als Christen stehen wir in der Nachfolge der ersten Jünger. Wollen den Auftrag, den sie von Jesus erhalten haben weiterführen. Denn mit gutem Grund lesen wir die Bibelstellen, in denen sich Jesus an seine Jünger wendet, so, dass wir uns auch davon angesprochen fühlen. Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

Damit hätten wir Spannung Nummer drei: Können wir das auch? Was bekommen wir an Wundern so hin? Welche Macht haben wir in diesen Angelegenheiten?  Können wir das … oder doch nicht? Sich hinstellen, Hand auflegen, und sagen: „Sei gesund!” Dazu fehlt mir etwas . Aber was fehlt?  Das Selbstvertrauen? Das Gottvertrauen? Ein Stück ursprüngliche Naivität? Für Kranke beten, Gott darum bitten, das ein Kranker gesund wird. Ja, das ist kein Problem. Aber als Heiler auftreten?
Da fällt mir eine Szene ein, in denen ein Mann zu Jesus kommt und ihm davon berichtet, dass die Jünger seinen Sohn eben nicht heilen konnten, so sehr sie es auch versuchten. (Mk 9,18)
Heilung ist kein „Können” einer Person, sondern ein Wunder Gottes. Und da merke ich: Heilung geschieht nicht deshalb, weil wir es halt können (oder nicht können). Sondern es geschieht da, wo Gott entscheidet, dass sein Reich spürbar und sichtbar wird. Heilung als ein Geschenk Gottes.

Und das haben wir nicht in der Hand – das ist nicht mach-bar. Auch der Weg, auf dem Heilung geschieht, ist von uns nicht programmierbar. Heilung ereignet sich, weil Gottes Nähe spürbar ist: Das kann auch ein Chirurg sein, der von Gott seine Begabung zum guten ärztlichen Handwerk geschenkt bekommen hat. Oder eine gute Freundin, die dich in deiner depressiven Stimmungslage begleitet, dir zuhört, dich aufrichtet. Auch das ist Heilung. Ein Geschenk, in dem Gott selber anwesend sein kann.
Oder vielleicht doch bei Menschen, die sich von Gott beauftragt fühlen, mit Handauflegung und Gebet Kranke zu heilen; und bei denen dies dann sogar augenscheinlich gelingt. Dass es so etwas gibt, mag ich gar nicht bezweifeln.
Aber diese spektakulären Wunder sind nicht der einzige Weg, auf dem Menschen geholfen werden kann.

Ich komme zum Schluss:
Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
Mit diesem schlichten Auftrag endet unser heutiger Predigtabschnitt. „Gottes Reich verkündigen” – das klingt irgendwie nach einer großen Tat. Ist aber irgendwie auch in der Größe etwas abstrakt: Sich morgen früh zum Bäcker zu stellen und allen, die in der Schlange stehen mitzuteilen: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen” – das ist wahrscheinlich keine gute Idee.
Machen wir uns lieber an die Arbeit als „Helfer in der Ernte”, wie Jesus es formuliert hat.
Dass wir in dem, was wir tun, darauf achten, wo wir Gottes Spuren entdecken. Zeichen seiner Liebe und Fürsorge, diese sichtbaren Stückchen seines Reiches.
Sammeln wir sie ein, in unser Bewusstsein und in unsere Erinnerung – damit wir daraus Hoffnung und Orientierung gewinnen.

Und geben wir sie weiter. Indem wir uns nicht schämen, über unseren Glauben und unsere Erfahrungen mit Gott zu sprechen. So machen Menschen wird es gut tun, davon zu hören – und so kann hie und da dann auch Wunderbares geschehen.

Amen

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